Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 25
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ipOp.

neue ÜlTeiftenuerfe kirchlicher
piaftif von Professor Busch.

Besprochen von Professor Or. Ludwig Baur,
Tübingen.

Ein Gang durch unsere Kirchen zeigt
uns zweifellos ganz erhebliche Fortschritte
des kirchlichen Knnstschnsfens gegen frühere
Jahrzehnte: Nicht nur hat die kirchliche
Architektur sich ganz die Formwelt
früherer Stilarteu erobert, die sie mit
völliger Sicherheit beherrscht uud selbstän-
dig verwendet: da und dort sind auch
bereits — wenn auch begreiflicher- und
berechtigterweise vorsichtig und zaghaft —
gewisse Ansätze zu einer Weiterbildnng
der kirchlichen Architektur besonders in der
Nauinkoilstrnktion, der Flächenbehandlung
und Ornamentik geinacht worden. — Auch
in der Malerei haben wir ganz erfreu-
liche Leistungen zu verzeichnen: wir brau-
chen ja nur an die Werke eines Cornelius,
Seitz, Fngel, Feuerstein, Fritz Kunz und
so mancher anderer Meister der Neuzeit
zu erinnern. — Der Altarbau ist in
den letzten Jahrzehnten zu einer Läuterung
und Verfeinerung gebracht worden, die
sehr angenehm absticht gegen die fürch-
terlichen Schreinerarbeilen, mit denen man
vor 50 und 60 Jahren unsere Kirchen
verschönerte. Gerade in unserer engeren
Heimat hat Schnell in Ravensburg eine
recht glückliche Verbindung maßvoller mo-
derner Formgebung, selbständiger und
neuer Problemstellungen und Lösungen im
Altarbau versucht, an denen man nur
seine Freude haben kann.

Im kirchlichen K u u st h a u d w e r k hat
wenigstens die edle Metallknnst (Mon-

stranzen und Kelche) eine rühmenswerte
Entfaltung gefunden, nicht jedoch in gleichem
Maße die übrige Kleinkunst, bie mit unedlem
Metall arbeitet '). Hier ist beinahe noch
alles zu tun! Nur in der Para men tik
und — wie mir scheint — auch in der
Plastik können wir trotz einzelner her-
vorragender Meister wie Schmitt, Wadere,
Joseph Limburg, Busch n. a. noch nicht
recht zufrieden sein. Einerseits begegnet
uns da allzuviel Schablonenhastes, Her-
kömmliches, Fabrikmäßiges. Wir sind
noch nicht genügend losgekommen von der
kraftlosen Manier, von der Süßlichkeit
geleckter Glätte und damit voll der Lange-
weile nichtssagender Charakterlosigkeit. —
Was unseren plastischen Durchschuitls-
lverken in den Kirchen annoch fehlt, das
ist die Innerlichkeit, daZ ist die Seele,
das Leben, die Kraft. Ferner: die Polp-
chromierung liegt noch sehr im argen;
von einer Abstimmung derselben auf die
Umgebung ist sowieso keine Rede. Das
betrifft nicht nur die Einzelfigur, sondern
auch die Reliefvarstellnngen. Nur selten
treffen wir eine energische Durchdringung,
eine tiefe seelische Erfassung des vorge-
nommenen Stoffes, eine freie und selb-
ständige Wiedergabe, nur selten den Wider-
schein religiöser Kraft auf denr Antlitz, in
der Haltung und Gebärde. Anderseits
will es — wie Professor Heilmehr ans-
sührt — der modernen christlichen Plastik
nicht so leicht gelingen, die heiligen Ge-
stalteli in einer unserer Zeit und unserem
religiösen Empfinden nahestehenden Form

’) Vgl. übrigens den Aufsatz von I. R 0 h r
im „Archiv" XXVI (1007).
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