Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 26
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zu vermitteln*). Umso lieber mache» mir
heute unsere Leser auf neue Arbeiten auf-
merksam, die, aus dem Atelier des Herrn
Professors G. Busch in München her-
vorgegangen, die kirchliche Plastik der
Gegenwart auf richtigen Bahnen zeigen.

l. Eine recht ansprechende Gruppe ist
der hl. Martin ns von Busch; das
Werk befindet sich in der Kirche zu Böt-
tingen. Der hl. Martinns hat eben
seinen Mantel geteilt und reicht die Hälfte
desselben dem Bettler, der ihn — seinen
Rücken gegen die Kalte schützend — mit
der linken Hand
ersaßt, mährend
der Heilige seine
Gabe mit teilneh-
niendem Blick be-
gleitet und die
Mantelhälfte um
die Gestalt des
Bettlers zu legen
sich anschickt. Das
Antlitz des heili-
gen Martinus ist
eineMischungvon
kriegerischer Kraft
und christlicher
Milde und Barm-
herzigkeit. - Auch
hier versteht es
Busch, das in-
nere Leben, das
nach außen hin
drängt, uns nach-
fühlen zu lassen:

Edelmut und
Liebe im Geben,

Dankbarkeit und

allein gar nicht. Ich kann mir keinen
schmierigeren Stoff denken, als etwa einen
Christus am Oelberg oder den kreuztragen-
den Heiland, oder den Gekreuzigten: Hat
uns für den letzteren die Liturgie die
Grundidee vorgezeichnet mit ihrem unans-
schöpfbaren Worte: R. e g n a v i t a J i g n o
Deus, so wird für Darstellungen der
ersteren Art das »Coepit contristari et
moestus esse« oder der Ruf der Ver-
lassenheit: »Torcular calcavi solus«
etwa den Ausschlag geben.

Damit ist die inhaltliche Aufgabe deS
Künstlers sehr
wesentlich auf das
psychologische
Gebiet gewiesen.
Aber er wird nie
vergessen, daß es
auch hier die Hel-
denseele des Got-
tessohnes ist, die
selbst ans dem
bemitleidenswer-
testen Zustande
noch heranslench-
tet. Er wird nie
übersehen dürfen,
daß der Gottes-
sohn sein Leiden
nicht als unab-
wendbaresSchick-
sal in dumpfer
Resignation trug,
sondern in der
Kraft des selbst-
erwählten Erlö-
sungsmillens :
Die Liebe, Let-

Demut im Emp- Christus in der Nuh
fangen. Aller-
dings bedeutende Variantenmöglichkeiten
schließt das Thema nicht ein.

2. „Christus in der Ruh." Weit
komplizierter sind die übrigen schwierigen
Stücke, die sich Professor Busch zum
Vorwurf genommen hat. — Nichts ver-
langt vom Künstler eine größere Fähigkeit
der Darstellung, nichts ein so energisches
Dnrchmeditieren seines Gegenstandes, als
die Wiedergabe der Leiden und des Ster-
bens Jesu. Hier hilft technische Virtuosität

von Professor Busch. denskraft,Hoheit,
. Geduld muß sich
vermählen mit dem Ansdruck des Elends,
des Schmerzes und der Trauer; die Ten-
denz zu heben, zu stärken, zu läutern,
in dem Beschauer das Wehe nachfühlen zu
lassen, das innigste Mitleid und heilige
Entschließungen zu wecken: so hat im
Gvtteshause die Kunst zu dienen.

Noch eines ist zu berücksichtigen: es be-
trifft das Verhältnis der plastischen Ein-
zelfigur zum Beschauer. Bei religiösen
Stoffen kann sie mehr lehrhaft sein, oder
es kann das Schwergewicht wieder ans
die psychologisch-ästhetische Wirkung gelegt

») „Christi. Kunst" V (1908/09) 2.
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