Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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werde». Das letztere ist nun zweifellos in
der Richtung des gegenwärtigen Kunstschaf-
fens gelegen. Die Aufgabe des Plastikers
geht dann wesentlich dahin, dieses Seelische,
Innerliche dem an sich spröden, ausdrucks-
losen, schweren Stoff abzuringen ohne Ueber-
treibungen in Gestus und Bewegung.

Betrachten wir nunmehr den Christus
in der Ruh, welche» Professor Busch
für die Hauskapelle des Herrn Professors
Di'. Knöpfler in Scho m bürg bei
Wangen hergestellt hat: eine bemalte Holz-
signr! Welch eine stumme Predigt ist sie!

Soll ich auf die formalen Schönheiten
eigens verweisen, welche in dem großen
Kontraste liegen zwischen den starren, un-
beugsamen, lebens- und gefühllosen gera-
den Linien des breiten, schweren Kreuzes
und den gerundeten, fließenden Linien der
zusammengesnnkenen, von Leid und Liebe
zusammengedrückten Figur? Jesus ruht
einen Augenblick in nahezu völliger Er-
schöpfung auf einem Steine; er laßt es
nicht, das Kreuz, das er erwählt zu seiner
Todesstätte: nur soll es auch die Erde ihm
tragen helfe:: — doch wenigstens für einige
Augenblicke! Dieses edle, leidensvolle
Antlitz, wie tief schaut es dich an: denke
rückwärts an den Beginn dieses Leides
und Elends — denke vorwärts — noch
ist es ja nicht am Ende — nach Golgatha.
Sieh diese zarten Hände — welch ein
Kontrast zu der ungewohnten schweren
Last! Sieh diese tiefen Augen: sie schauen
dir bis auf deiner Seele tiefsten Grund:
du sündeubeladene Menfchenseele: die
Quelle und das Ziel dieses Leides,
dieses Elendes. — So faßt uns dies
Kunstwerk in der Seele Tiefen, so redet
es zu uns: die Kunst ist zur Priesteriu
geworden! Das ist religiöse Kirchenkunst:
tie ist tiefste Gedankenkunst und zugleich
tiefste psychologische Kunst, religiöse Lyrik!
— Jst's nicht wie eine künstlerische Para-
phrase jenes inniglichen Zwiegesprächs
zwischen der Seele und dem leidenden Hei-
land, für welches uns die Komposition Hugo
Wolfs die zartesten lyrischen Töne fand?
Seele: Wunden trägst du, mein Geliebter!

Und sie schmerzen dich.

Trüg ich sie statt deiner — ich!

Herr! wer wagt es so zu färben

Deine Stirn mit Blut und
Schweiß?

Jesus: Diese Male sind der Preis,

Dich, o Seele, zu erwerben.

An den Wunden muß ich sterben.
Weil ich dich geliebt so heiß.
Seele: Könnt ich, Herr, für dich sie tragen,
Ta es Todeswnndeu sind!

Jesus: Wenn dies Leid dich rührt, mein
Kind!

Magst du „Lebeuswnnden" sagen,
Ihrer keine ward geschlagen
D'raus für dich nicht Leben rinnt.
Seele: Ach! wie mir in Herz und Sinnen
Deine Qual so wehe tut!

Jesus: Härteres noch mit treuem Akut,
Träg ich froh, dich zu gewinnen!
Tenn nur der weiß recht zu miunen,
Der da stirbt vor Liebesglnt.
Seele: Wunden trägst du, mein Geliebter;
Und sie schmerzen dich.

Trüg ich sie statt deiner — ich! —
Ich meine, damit die Absichten desKüiyt-
lers nicht falsch gedeutet zu haben.

Vorgänge für diese Art der Darstellung
sind etwa in den Kreuztragungs-
szenen und Stationenbildern gegeben.
Die Plastik kennt ja diese schon in ältester
christlicher Zeit. Wir finden sie bereits auf
Sarkophagdarstellungen, sodann in Minia-
turhandschriflen, später in Gemälden nsw.
Bgl. darüber D e tz e l, Ikonographie 1,380 ff.

Allein die meisten dieser Bilder — so-
weit sie nicht schon deswegen für uns
nicht weiter in Betracht kommen, weil
auf ihnen nicht Jesus, sondern Simon
von Cyrene als Krenzträger dargestellt ist

— zeigen einen anderen Charakter als
das Bild, das wir hier vor uns sehen:
dort will eine mehr oder weniger getreue
Wiedergabe ves historischen Vorgangs
dargestellt werden: hier ist es ein Kontem-
platiousbild, was der Künstler beabsichtigte.

— Eine solche Szene haben wir am ehesten
bei dem kontemplativsten aller Meister vor
uns, bei Fra Angelico, der in einer der
Zellen von San Marco in Florenz den
göttlichen Heiland allein als Kreuzesträger
darstellt — tief empfunden. Nur Maria
begleitet den Herrn und vor ihm kniet
der hl. Dominikus, der gleichsam die Stelle
der betrachtende» und innig mitfühlenden
Seele vertritt. — In der Form von Au-
dachtsbilderu wird dann auch der Krenz-
träger allein dargestellt — beispielsweise
von Andrea Solario, Luini n. a. —
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