Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 34
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Orientierung in jedem Bauwerke. 13. Er-
wägung der Effekte bei Dimensionierung,
Aufeinanderfolge und Farbengebung,
Akustik, Sehmöglichkeit und ausreichende
Belichtung der Räume J).

Es ist bereits wiederholt der Versuch
gemacht worden, den Kirchenbau auf eine
andere Grundlage zu stellen, indem man
die traditionellen sogenannten Stilarten
verließ und Neues zu schaffen sich be-
mühte. Insbesondere ist der protestan-
tische Kirchenbau erheblich von der bis-
herigen Bauweise abgegangen, was damit
znsammenhängen mag, daß man bis in die
jüngste Zeit herein ans der Suche nach
vein „protestantischen Kirchenban" war.
Insbesondere wurden eine stattliche Reihe
kleinerer Kirchenbauten (Landkirchen) ge-
schaffen, wobei man im Jnnenbau auf mög-
lichst einheitliche Räume (Saalkirchenraum)
drang, im Aeußeren möglichst malerische
Qualitäten in den Vau hineinznlegen
suchte, was nicht selten zu einer ans
Bizarre streifenden Scheu vor Symmetrie
führte. Indes hat dieses Suchen doch
auch schon manch hübsches Resultat ge-
zeitigt. O. Hoßfeld hat darüber ein an-
ziehendes Büchlein geschrieben mit dem
Titel: „Stadt- und Landkirchen", 1905,
und Joh. Ficker hat sich darüber im
„Evangelischen Kirchenbau" 1905 weiter
verbreitet.

Auf katholischer Seite sind die bisher
gemachten Versuche etwas zaghafter ge-
blieben. In England hat neuerdings
John F. Bentley in der katholischen
Kathedrale von Westminster ein grandioses
Werk von eigenartiger Formgebung und
Choranlage geschaffen.

In Frankreich hat sich, so z. B.
im Süden (Kathedrale von Marseille,
Rotre Dame de Fouroieres in Lyon und
Sacre Coeur in Paris), ein eigenartiger,
als nenbyzantinisch bezeichneter Kirchenbau
herausgebildet.

In Oesterreich ist Otto Wagner
teils schriftstellerisch im Sinne einer neuen
Kirchenarchitektnr tätig, teils schuf er selbst
eine ganz neue — seltsam anmutende —
katholische Kirche an den Niederösterreichi-
schen Landes-Heil- und Pfleganstalten. * 3

l) Alst. O. Wagner, Moderne Architektur.

3. A. Wien 1902, S. 89.

Ich möchte mir, solange ich sie nicht selbst
gesehen habe, kein Urteil erlauben. Auf
dem Bilde (bei G u r l i t t, Kirchen, S. 295)
macht sie den unangenehmen Eindruck einer
Kombination einer orientalischen Palastan-
lage mit einer Synagoge. Ebenso originell
ist sein Entwurf für eine katholische Kirche
in Währing — eine Nnndkirche.

In Bayern hat sich G. v. Seidl
mit seiner Münchener Rupertuskirche so-
wie der Annakirche u. a., ferner Joseph
Schmitz u. a. m. neuerdings hervorgetan.
Alle die letztgenannten strebten auch darin
ein gemeinsames Ziel an, als sie die
moderne Eisenkonstrnktion verwendeten und
möglichst einheitliche, einräumige Anlagen
schufen.

Auf protestantischer Seite strebte in
Süddentschland Th. Fischer eine größere
Variabilität und Neuheit im Kirchen-
bau an, indem er besonders Einklang mit
der Umgebung, malerische Wirkung und
Einheitlichkeit im Raum und in der
Stimmung zu erzielen sucht. Unseres
Wissens hat Fischer nicht ausschließlich
im protestantischen, sondern auch im katho-
lischen Kirchenbau sich versucht.

Die theoretischen Erörterungen wie auch
die — übrigens nicht in allweg zu lo-
benden — praktischen Versuche haben einer
Reihe von Momenten in der neuzeitlichen
Kirchenarchitektnr Geltung verschafft und
Fragen aufwerfen lasse», die zum Teil
anregend und fruchtbar ivaren.

1. Am wenigsten sympathisch berührt
wohl die neuerdings beliebte Unter-
scheidung von Stadt- u n d D o r f-
kirche, welche Unterscheidung noch einen
besonders unglücklichen und abstoßenden
Beigeschmack erhält, wenn sie aus religivs-
snbjeklivistischen Gedankengängen geboren
i>t, als gäbe es einen esoterischen, frisierten
Stadtkatholizismus und einen exoterischen,
unfrisierten Dorfkatholizismus, Dem man
jeweils entsprechenden architektonischen,
plastischen und malerischen Ausdruck ver-
leihen müßte. Die Dorsarchileklur erhält
dann dieselben unwahreti Attribute, die
ein modernes Aesthetentum — leider auch
katholischerseits! — dem Bauernvolk und
den Landgeistlichen in der Belletristik auf-
gehalst hat: grob, ungeschlacht, geistlos,
klotzig, gesucht primitiv!

Indes die Unterscheidung ist zumeist
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