Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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4. Weniger befriedige» die Ablaß-
bildche n von Joseph M ü l l e r. Das
„Gebet zum gekreuzigten Heiland" beweist,
was hier zum geringen Preis (1 Pfennig)
zu leisten gewesen wäre. Die übrigen
Nummern sind beinahe sämtlich wertlos.

Es kann kaum freudig genug begrüßt
werden, wenn jetzt auch das Privatnnter-
nehmeu sich in den Dienst deS bessern
Geschmackes stellt. Mögen unsere Knust-
anstalten ans diese Weise ihren Kritikern
den Mund schließen! Viktor Naumann
verheißt ihnen hiefür nicht allein den
Dank der Besten, sondern auch reichen
klingenden Lohn. Möge der letztere für
die neueren, gediegenen Unternehmungen
ivenigsteus nicht kärglicher fließen als für
die französische Ware von früher her!

5. In dieser Hinsicht sind wir noch
weit davon entfernt, daß die Geschichte
ein Gericht oder gar das Gericht wäre.
Der Verlag von Schwann in Düsseldorf
bot heuer wieder seine Nachfolge
Christi mit Illustrationen von
H. Commans an. Der Künstler schuf hier
ein Prachtwerk vornehmster und edelster
Art. Gleichzeitig bereiste ein Kolporteur
mit einem bekannten Erbauungsbuch von
Bitschnau Stadt und Land. Auch dieses
Werk ist mit reichem Bilderschmnck aus-
gestattet. Allerdings ein eigentümlicher
Schmuck! An allem Wesentlichen ist
gespart, alles Nebensächliche, z. A. die
grellen Farben, ist in den Vordergrund
gestellt. Trotzdem und trotz des Preises;
von 12 bezw. 14 Mark — der Herr führte
in vier Dörfern drei verschiedene Preise
— blühte das Geschäft. Wie viele Exem-
plare mögen von der „Nachfolge Christi"
begehrt worden sein?

<1 Im selben Verlag und vom selben
Künstler erscheint eine „Düsseldorfer
B ilderbibel", Lieferung I: SechsLilho-^
graphien, 70 X 86 cm. Bischof Or. Paul
Wilhelm v. Keppler schreibt hierüber:
„Die lithographischen Tafeln finden in
jeder Hinsicht meine Zustimmung, was die
religiöse Ausfassung, die Durchbildung und
Formensprache, die Reproduktion uiiD das!
Format anlangt. Sie werden wohl balb
in den Schulen und bei den Kindern sich
als gute Freunde einbürgeru." Ein Um-
stand — persönlich sehe ich darin eher
einen Vorzug denn einen Nachteil — wird ,

solcher Verbreitung entgegenwirken. Die
Fernwirkung der nnkolorierten Bilder ist
nämlich gering, und die Kolorierung liegt
ebensowenig wie bei den übrigen typischen
Schöpfungen der Nazarener im Geiste
dieser Kunst. „Romantische Farben" gibt
es nicht. (Schluß folgt.)

Neue Meisterwerke kirchlicher
Plastik von Professor Busch.

Besprochen von Professor Dr. L. Ban r, Tübingen.

(Schluß.)

3. Das zuletzt besprochene Bild, Christus
als Kreuzlräger (allerdings nicht ruhend,
sondern schreitend), findet man häufiger
als voiu Volk hochgeschätztes Trostbild
in plastischer Darstellung in den Kirchen
in und nur Freiburg, Kolmar. ES wäre
wohl empfehlenswert, diese Darstellung
(neben den leider immer noch zu ivenig
verwerteten Oelbergszenen) wieder reich-
licher innerhalb und außerhalb der Kirchen
zu verwenden.

Das dritte Bild gehört dem gleichen
Gedankenkreis an: der christlichen Auf-
fassung des Leidens: eine Pieta. Niel
Schönes ist hier in der Kunst geschaffen
uwrdeu. Die deutsche Kunst des Mtttel-
alters goß all ihre zarte und sensible
Fähigkeit des Mitleivens, wie sie uns bei-
spielsweise bei Heinrich Suso so empfind-
sam entgegenlritl, in diese Darstellungen
hinein und schuf sie zu einem G edicht des
erhabensten und religiös vertieften Schmer-
zes um: die Plastik eine uns poetica! —
M i ch e l a u g e l o vermählte in seiner Pieta
antiken Heroismus mit christlicher Er-
gebung. Eure Geschichte der Pietadnr-
stellnugeu müßte ein Hymnus werden
auf die Leidenstiefe und Seelengröße der
Mutterliebe, der christlichen Mutterliebe,
der Mutterliebe Marias; eine erhebende
Symphonie des Mitleidens der Christen-
seele mit dem Schmerze der Mutter und
den« Leiden des Sohnes.

„Gebet acht und schauet, ob ein
Schmerz gleich sei meinem Schmerze" ist
die Grunvioee der Pietadarsleltnngen. —
Sie ist es auch an der nnsrigen, welche
Professor Busch in Marmor für einen
Seitenaltar der katholischen Kirche 311 Böt-
tingen, OA. Spaichingen, zu verfertigen
halte. Es ist ein durchaus rühmenswerter
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