Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 39
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und nachahmenswerter Entschluß des Herrn
Kamerers Katzenstein gewesen, daß er sich
seine Statuen von einem echten Künstler
bestellte und wartete, bis er sich die größere
Ausgabe gestatten konnte. Dafür hat er
jetzt etwas Rechtes.

Wieder fällt die plastische Geschlossen-
heit, das Großzügige im Fluß der Linien-
führung und in der Gewandbehaudlung
sofort ins Auge. Der tote Leib ist
virtuos behandelt. Die Haltung Mariens
ist groß, erhaben. Der Ausdruck ihres
Schmerzes ist ver-
halten, aber ver-
nehmlich genug
und edel. — Der
Künstler läßt die
Mutter Jesu aus
der Gruppe her-
aus ans den Be-
schauer oder Be-
ter blicken. Der
Sinn und Zweck
ist leicht zu er-
fassen : der Künst-
ler erstrebt damit
einen deutlich er-
kennbaren, parä-
netischen Zweck:

Maria zeigt ihren
toten Sohn dem
Beschauer, blick!
den Beter an, um
ihn einznladen,in
reumütigem
Schmerze gleich
ihr sein wohl kaum
größeres Leid ru-
hig und ergeben
zu tragen, und
ein stiller, unaus-
gesprochener Vorwurf bei muten ciolorosu
mischt sich ein.

Ich habe einigermaßen das Empfinden,
daß es vielleicht doch besser gewesen wäre,
Marias Aufmerksamkeit, Sorge und
Schmerz ganz auf Jesus zu konzentrieren
und so erst indirekt jenes Ziel zu er-
reichen, rein durch die Wirkung des
Kunstwerkes selbst. — Doch will ich
darob nicht rechten. Ein Vergleich mit
der früher schon von Professor Busch
für die Kapuzinerkirche zu Frankfurt
geschaffenen Pieta zeigt, wie sehr der

Künstler bemüht ist, das Thema zu va-
riieren. ')

4. Endlich darf noch einer Arbeit von
Busch Erwähnung geschehen, die zwar
nicht spezifisch kirchlicher Art ist, aber
immerhin religiösen Charakter an sich
trägt, ein Bronzerelief: St. Hubertus
mit dem Hirsch darstellend. Es war ein
recht sinniger und ansprechender Gedanke,
daß die hohen Angehörigen der fürstlichen
Familie von Waldburg-Zeil den ver-
storbenen Fürsten Waldburg-Zeil, Durch-
laucht, zu seinem
siebzigsten Ge-
burtstage mit die-
ser Votivtafel zu
überraschen be-
schlossen. — Die
Szene ist eine
sehr einfache Re-
liefdarstellungder
bekannten Huber-
tuslegende. Im
Hintergrund —
auf einem hoch-
ansteigenden
Berge ein Schloß
und zu den Füßen
des Berges das
Torf. Im Vor-
dergrund sehen
wir einen Hirsch
ans dichtem Wald
heraustreten,zwi-
Ichen dem Geweih
trägt er das Bild
des Gekreuzigten.
Voll staunender
Verwunderung
und Ehrfurcht zu-
gleich ist der Jä-
gersmann in die Knie gesunken: es ist,
als lauschte er erschüttert dein Worte,
von dem die Legende erzählt: „Wenn du
dich nicht wahrhaft zum Herrn bekehrst,
so wirst du bald zur Hölle fahren." —
Es ist, als wollte er durch seine Haltung,
seine Bereitwilligkeit ausdrückeu, diesem
Rufe nun auch zu folgen. — Eingefaßt
wird die Szene durch zwei Eichbäume,
deren Geäste und Laubwerk oben wie

Bgt. Jahresmappe der Ges. für christl.
Kunst 1906, S. IN.

„Pieta." Modell der Marmorgruppe voui Seiteualtar
der Pfarrkirche zu Böttingen, OA. Spaichingeu.
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