Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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diesem Buch ein trefflich illustriertes Pracht-
werk, das leider nur der Stileiuheit er-
mangelt. Würden in einer Neuauflage
sämtliche, nicht von L. Seitz herrührenden
Illustrationen ansgeschieden, so wäre dieser
Mangel gehoben. Ein religiös und künst-
lerisch gleichwertiges Werk dränge in alle
Schichten des Volkes.

Möglicherweise sieht mancher Leser in
den berührten Gegenständen interesselose
Quisquitien. Ans diesem Grunde möchte
ich an dieser Stelle ans die Aussührnngen
Joseph PoppS im Trierischen Jahrbuch für
ästhetische Kultur Hinweisen (S. 66 ff.).
Was dort über „Christliche Hansknnft"
geschrieben steht, sollte in der gesamten
katholischen Presse die Runde machen!
Der Pessimismus jener Zeilen würde da-
durch nur umso früher gegenstandslos. Ich
teile ihnffchon heute nicht mehr. Die christ-
liche Hansknnst lebt; für da-s Exsurge!
ist es bereits zu spät. Unsere Losung muß
lauten: „Erospere procede!"

Katholische Kirchenkunst und
moderne Kunst.

Vorr Prof. Or. Ludwig Baue, Tübingen.

(Fortsetzung.)

2, K i r ch e und K i r ch e » p l a tz.

Dem Hanse Gottes geziemt ein hervor-
ragender Platz in Stadt und Dorf schon
an sich, mit Rücksicht auf seine Würde
und Weihe, aber auch mit Rücksicht darauf,
daß die Kirche in der Regel das ästhetisch
wertvollste architektonische Werk, jeden-
falls ein eminent charakteristisches Werk
deS Dorfes oder Stadtteils zu sein pflegt.

a) Daher hat die christliche Vergangen-
heit bis heute darauf gedrungen, daß
die Kirche höher gelegen und von
allem Störenden ferngelegen sei, wo
immer man die freie Wahl hat. Es mag
wohl, wie Jakob ‘) vermutet, mitbestim-
mend gewesen seirr der Gedanke und die
Erinnerung an den Terrrpel ans Sions
heiligem Berge, an die Stadt auf hohem
Berge, an Golgatha als dem Opferberg
des Neuen Testamentes, an die Kirche,
die nach Jesu Wort auf einen Felsen
gegründet werden sollte, an das himiu-

i) Jakob, Die Kunst im Dienste der Kirche

S. 11 f.

lische Jerusalem, das von oben hernieder-
winkt und herniedersteigt.

Neben diesen symbolischen Gründen
kommen für diese Forderung auch prak-
tisch wichtige Gesichtspunkte in Be-
tracht, besonders die Trockenheit der
Kirche, ihre Absonderung von profanen
Gebäuden, von schmutzigen Vertiefniigen
n. a. nt. Aehnlichen Erwägungen ver-
dankt wohl auch der Stylobat der antiken
griechischen Tempel sein Dasein.

Ans diesem Grund schrieb die Mai-
länder Diözesansynode unter Karl Bvrro-
mäus vor: „Es soll ein Ort gewählt
werden, der so liegt, daß man . auf drei
oder fünf Stufen zur Kirche selbst empor-
steigen kann" P Genau so bestimmt auch
schon früher der Regensburger Ornatus
ecclesiasticus von Jakob Müller aus
dem Jahr 1591 hinsichilich der Lage der
Kirche: „Ecclesiae igitus situs ac

structura, si de novo excitanda foret
quantum natura loci patitur, haec
erit: I n 1 o c o e m i n e n t i o r i c o 11 o -
cabitur, ita, ut quinque sal-
tem ve 1 tribus ad minimum
gradibus ascendatur. Quare
si in quibusdam locis et ecclesiis jam
düdum aedificatis, terra et ruderibus
adeo muri sint oppleti, ut januam
vel adaequent, vel superent, curabunt
ii, quorum interest, illa, ni hoc fun-
damentis officeret, auferri et gradus
ad portam instaurari“ i) 2).

b) In dieser Frage steht die neuere Rich-
tung der alten nicht ablehnend gegen-
über. Nicht so unbestritten ist ein anderer
Punkt, nämlich die Frage: ob die

K i r ch e einfach mitten auf den
freien Platz zu stehen kommen solle,

') »Deligatur in loci positura situs, qui
ita exstet, ut exstructa ecclesia tribus,
ad su mm um quinque gradibus ad
eam ascendatur.« Instruct. fabricae
et suppellect. eccl. Libr. II. act. Mediol.
Bergomi 1732 S. 562.

2) Dieselbe Ordnung rät außerdem für den
Fall, daß die Kirche an einen Abhang zu stehen
koniine, an, daß der Hügel an der Baustelle ge-
nügend planiert werde, und zwar so, daß die
Rückseite mindestens 5,4 m und mehr von der
Felswand oder der abgegrnbenen Hügelwand
entfernt sei. Die letztere selbst soll eine S ch u tz-
»inuer erhalten und durch eine rationelle Ka-
nalisation des Platzes soll in genügender
Weise für de» Abfluß des Wassers gesorgt werden.
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