Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 47
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öder ob ihre Stellung auf dem Platz
nach bestimmleu ästhetischen Gesichts ^
punkten zu erfolgen habe. Es ist dem
Kenner des allchristlichen Bauwesens be-
kannt, daß man — wenigstens in Rom
und weströmischen Städten — die Kirchen
unbedenklich in die Flucht der Häuser
hineinstellte, so daß man von der Straße
her nur die Fassade sehen konnte. Spätere
Verordnungen wandten sich besonders
gegen das Einbauen der Kirche», suchten
sie von den laikalen Anbauten zu be-
freien und bestimmten, sie sollen wenigstens
einige Schritte von allen übrigen Häu-
sern abstehen und möglichst frei erstellt
werden *). Auch darüber ist man sich in
der Neuzeit durchaus einig. Nun hat
man es eine geraume Zeit für angemessen
gefunden, die Kirche mitten in das freie
Bauterrain hineiiiznstellen, was dann
anderseits der heute so sehr verworfenen
und als vollständig unzulässig erkannten
gewaltsamen Freilegung der großen Dome
und Münster entsprach. Diese Aufstellung
der Kirche inmitten eines (großen)Platzes
wurde besonders von Camillo Sitte
(Der Städtebau nach seinen künstlerischen
Grundsätzen, Wien 1889) und seither all-
gemein verworfen. Die Gründe sind
leicht einzusehen. Hoßfeld sagt treffend
darüber: „Die Stellung inmitten des
Bauplatzes wird auf dem Lande ebenso
oft verfehlt sein, als in der Stadt. Denn
wenn hier die Schönheit des städtischen
Platzbildes in der Regel eine seitliche,
oder doch aus der Mitte verschobene
Stellung der Kirche fordert, so wird dort
eine solche Stellung zumeist um deswillen
erwünscht sein, weil in einem Dorfe nur
äußerst selten streng architektonische, son-

l) »Optimum erit, sagt der eben zitierte

Ornatus ecclesiasticus, ut ecclesiam si quis
. . . construere velit, in tali loco con-
stituat,qui insulae quamdam spe-
ciem repraesentet, ut seil, sit
aliquot passibus ab Omnibus aliis
aedificiis locus dissitus, id quod
maxime in pagis observari potest ac debet.«
Ebenso Instr. fabr. Act. Mediol. 1. c. 563
nnd Constitutiones Eccl. Ratisb. p. 1 § 1,
Nr. 6. Auch proteftantischerseits hat sich die
Tagung der deutschen evangelischen Kirchenkon-
ferenz zu Eisenach im Jahre 1898 in ihren „Rat-
schlägen für den Bau evangelischer Kirchen"
gegen den Anbau und Einbau der Kirchen aus-
gesprochen.

dern fast stets malerische Gesichtspunkte
zur Geltung gebracht werden müssen. Der
Kirchplatz selbst ist gewöhnlich so klein,
daß die Beziehung des Bauwerkes zu ihm
allein nur eine nebensächliche Rolle spielt.
Er steht aber doch zumeist mit der Dorf-
läge derart in Beziehung, daß ein ge-
dankenloses Hinbanen der Kirche ans die
Platzmilte Unschönheiten im Gefolge haben
wird" J).

Auch die praktische Erwägung darf wohl
beachtet werden, daß durch die Erstellung
der Kirche ans der Mitte des Kirchplatzes
die weitere Ausnützung desselben — etwa
für den Bau des Pfarrhauses — un-
vlöglich gemacht ist.

Der Kirchenplatz selbst iliag auch —
abgesehen von der Pflicht der Neinhaltnng
— mit Rasenflächen nnd geeigneten, be-
scheidenen gärtnerischen Anlagen, gut
placierten Banmpflanzungen ». dgl. in
geeigneter Weise verschönert werden.

3. Die Grundrißbildung nnd
R a u m g e st a l t u n g.

Grundriß und Nanmgestaltung der
katholischen Kirche sind insofern festgelegt,
als in ihr absolut notwendig ein besonderer
Chorraum vom Schiff sich abheben muß.

Die kirchliche Tradition bringt es mit
sich, daß die meisten katholischen Kirchen
d r e i s ch i f f i g gebaut werden, wobei frei-
lich die Selbständigkeit der Nebenschiffe
bald mehr, bald weniger hervorgehoben
sein, ja sehr stark znrücktrelen kann. Der
Grund dieser Bauweise ist ein sym-
bolischer, ein ästhetischer nnd zu-
gleich ein praktischer (Prozessionen
innerhalb der Kirche). Nun ist weiterhin
für sehr kleine Kirchen natürlich eine
solche Dreischisfigkeil nicht wünschenswert,
noch auch durchzuführen. Sie müßte un-
bedingt lächerlich wirken; denn die mehr-
schiffige Anlage setzt eine bestimmte an-
gemessene Naumgröße voraus. Die Ten-
denz der neueren Kirchenbaukunst geht dar-
aus ans, möglichst einheitliche Räume zu
schaffen. Man begnügt sich deshalb gern
mit einschiffigen saalartigen Kirchen l 2).
Dieser Gedanke ist nicht neu: man könnte

’) Hoßfeld, Stadt- und Landkirchen 1905,
S. 4.

2j Hoßfeld führt deren S. 107 ff. eine ganze
Anzahl n».
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