Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 48
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an beit altchristlichen Zentralbau erinnern.
Aber auch die Gotik verstand es, einheit-
liche Räume zu schaffen, die Renaissance-
nnd Barockzeit hat das Problem durch
Einfügung eines zentralisierenden Kuppel-
baues glänzend und vorbildlich gelöst.

Es war ja so recht das eigentliche Ziel der
Hochrenaissance, weite und imponierende,
wohlgefällige, vornehme Räume zu schaf-
fen. Man trachtete nach einer richtigen
Verteilung der Baumassen. Man er-
kannte und befolgte die Gesetze, welche
dem antiken Bauwesen die harmonischen
Verhältnisse und die imponierenden Räume
geschaffen. Man drang auf eine Verein-
fachung der Details, auf stärkere plastische
Wirkung der konstruktiven Glieder im Ver-
hältnis von Licht und Schatten. „Man
beschränkte den Reichtum der rein deko-
rativen Ziermolive, mit denen die Bau-
glieder in der Frührenaissance nahezu
überwuchert waren, in tunlichstem Maße
und gewann dafür eine stärkere und mäch-
tigere Wirkung der Struktur. Die Glie-
der erhalten anstatt ihrer mehr äußer-
lichen, dekorativen Anbringung eine orga-
nische Motivierung. . . . Das Ideal, in
dem man alle Bestrebungen in architek-
tonischer Hinsicht verwirklicht sah, war
die Zentra la n l age" ').

Man wird nicht verkennen, daß der ein-
heitlich gestaltete Kircheuraum große Vor-
züge aufweist: ästhetisch betrachtet, wird
die Beziehung der Raumgliederung auf
einen zentralen Raum und die Beziehung
auf ein Ganzes straffer, als dies in der
einfachen dreischiffigen Basilika möglich
ist, die im Grunde genommen ans drei
uebeneinandergelegten Schiffen besteht.
Man wird von selbst zu rhythmischer
Grundtendenz, Einheit in Form und
Farbe, Ebenmaß der Glieder, strenger
Rhythmik weitergeführt ^). Anderseits ist
sie auch wechselreicher als die etwas ein-
tönige und nur für kleine Verhält-
nisse, etwa auf kleinen Dorf- oder Filial-
gemeinden, passende Saalkirche. Erst aus

') Vgl. zum Ganzen Kraus, Geschichte der
christl. Kunst It, 623, bearb. von I. Saue r.
— Weiteres bei Redtenbacher, Die Architek-
tur der Renaissance in Italien. Frankfurt 1886.
H. Strack, Zentral- und Kuppelkirchen der
Renaissance in Italien. Berlin 1882.

2) Vgl. Muth es i iis, Die Einheit der Archi-
tektur S. 48 f.

der auf eine einheitliche Grnndstimmung
bezogenen Raumgliederung entsteht die
anziehende Lebendigkeit, Würde und Kraft
eines Baues.

Die praktischen Vorzüge dieser auf eine
größere Vereinheitlichung des Raumes
drängenden Architektur sind unschwer zu
erkennen: die Gläubigen können unbe-
hindert den Blick auf Altar und Kanzel
richten. So wenig man daher — außer
bei kleinen Gemeinden — für den katho-
lischen Kirchenbau die einfache Saalkirche
als „das" Modell empfehlen wird, so
sehr werden die Bestrebungen 'zu begrüßen
sein, die zwar eine Mehrteilung in Grund-
riß und Raumaulage festhalten, aber die-
selbe zu einer möglichst schönen und
praktischen rhythmischen Einheitlichkeit im
ganzen zu steigern suchen.

Der Architekt wird eine Mannigfaltig-
keit sowohl in der Gliederung des Jnnen-
raumes als auch des Außenbaues da-
durch gewinnen, daß er auch auf beson-
dere liturgische Verhältnisse Rücksicht nimmt.
So möchte es sich in vielen Fällen
empfehlen, eine eigene Tanfkapelle oder
eine Beichtkapelle anzubringen, die heizbar
sein könnte, für den Ritus der drei letzten
Tage der Karwoche (Uebertragnng des
Allerheiligsten, heiliges Grab) einen ent-
sprechenden Raum zu schaffen oder einen
bereits vorhandenen Raum für diese Be-
dürfnisse zweckentsprechend zu gestalten.

4. Konstruktionen und Material.

Wenn Michelangelo allgemein die
künstlerische Tätigkeit als ein ausschließ-
lich geistiges Schaffen bezeichnet; wenn
ferner sein Biograph Vasari ihm bei-
stimmt mit den Worten: „Bisognava
haver le seste negli ochi e non in
mano perche le mani operano e
1’ occhio giudica“, d. h. man sollte den
Zirkel im Kopf und nicht in den Fingern
haben, weil diese handwerkliche, jener aber
geistige Tätigkeit verrichten — wenn end-
lich die Architektur eine wahre Kunst ist,
so wird das an ihr getätigte geistige
Schaffen des Künstlers vor allem in der
Konstruktion zum vollen Ausdruck ge-
langen. Die Knnstform muß sich für den
Architekten ans der Konstruktion ergeben.
Das läßt sich aus den geschichtlich be-
kannten Bauarten ganz evident machen.
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