Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 49
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Der alle griechische Tcmpelban ist be-
stimmt durch die Säulenordnung mit beut
geradlinig wagrecht aufgelegten Gebälk.
In der Säule und der wunderbar feinen
Form, welche ihr griechisches Schönheils-
gefnhl zu verleihen mußte (Basis, Entasis,
Kannelierungen, Echinns, Plinihe ujf.),
konzentriert sich eigentlich der ganze kon-
struklive Gedanke der antiken Kunst: die
von oben kommende Last von einer von
ilnlen her nach oben spannenden, federnden,
tragsähigen Kraft aufgenommen.

Der konstruktive Gedanke wurde wesent-
lich bereichert durch den Gewölbe- und
Bogenban, dem wir bei den Römern be-
gegnen. Semper sagt darüber: „Die
Ausnahme des Gewölbes t»id des Bogens
in die Zahl der Knnstformen musste ein
noch mächtigeres Movens sein, welches die
Baukunst in die kcnstrnktive Richtung Hinein-
trieb, die so sehr dcm Genius der well-
herrschenden Roma entsprechend war und
durch ihn zur vollen Ausbildung gedieh !)."

(Schluß folgt.)

Drei Frachtstücke kirchlicher Kimft
aus Schlesien.

Avn Fritz Atielert, Sprotta».

(Schluß.)

st. Chorgestühl in der ehema-
ligen Z i st e r z i e n s e r k l o st e r k i r ch e
z n H e i n r i ch a n i n S ch l e s i e n. Der Er-
bauer des eichenen schweren einfachen
Chvrgestühles ist laut Chronik Abt An-
dreas I. (1554—77). Reichlich hundert
Achte später eist geschah die wundervolle
Ausschmückung in weichem Lindenholz
(nicht Kiefer, wie Lutsch in seinem „Ber-
zeichnis der Knnstdenkmäler Schlesiens"irrig
schreibt), indem die barocken Ornamente
vvrgeblendet wurden, so daß man sie leicht
wieder abheben könnte. Diese Aus-
schmückung wird dem bedeutendsten Abt
vonHeinrichau, HeinrichUI. (1681 —1702)
zugeschrieben. Die Clnonik sagt von ihm:
„chorum sculpturis exornavit“.
Er hat aber die Vollendung dieses Werkes
nicht erlebt; denn sein Nachfolger Tobias I.
(1702—22) hat es mit seinem Wappen,
d. h. mit dem Heinrichaner Wappen und
seiner Chiffre '1'. A. (Tobias Abbas)
geschmückt.

u Semper, Der Stil. II, 448.

Als Motive der üppigen Ornamente
sind Akanlhusblätter, Sonnenblumen,
rankenförmiges Tulpenmuster, Bln»,en-
gehänge, Rosetten und Rauten (Rhomben)
verwendet. Zahlreiche Amoretten (Engel)
in den abwechslungsreichsten Formen und
Stellungen beleben das Gestühl, ferner
die drei Kirchenväter (auf jeder Chorseite,
also jeder zweimal dargestellt) Gregorins,
Hieronymus und Augustinus, dazu Bene-
diktus und Bernardus. Die ersten drei
stehen hier nicht als Kirchenväter,
sonst würde Ambrosius dazu gehören,
sondern als Ordensheilige, bezw. Ordens-
stifler, Repräsentanten des klösterlichen
aszelischeu Lebens. Die wunderschönen
Reliefbilder an den Rücklehnen stellen in
36 Darstellungen die Geschichte deS Er-
lösers dar, und zwar vom Ratschluß der
Erlösung (Trinität) und der Verkündigung
an bis zur Himmelfahrt Christi und
Mariens, bilden also eine volkstümliche
Bilderbibel in selten großem Umfange.
Unter den einzelnen Darstellungen ist
ivegen ihrer Seltenheit bemerkenswert
das legendäre Motiv „Jesus stürzt in
den Bach Cedron" (vom Hochaltar ans
gesehen die sünste Rücklehne des Chor-
gestühls ans der rechten Seile). Die
Rückwände der Sitze bilden auf jeder
Seite ein Z, die Szenen folgen ab-
wechselnd links und rechts, doch mit
manchen Abweichungen. Die Zahl der
Sitze (zweireihig) überhaupt beträgt 58.
Sehr reich ist auch die obere Bekrönung
des Gestühls, auf dem Gesims: Engel
mit Musikinstrumenten, Engeltöpfe zwischen
Wolken und fliegenden Adlern und zwischen
' Schildern (paarweise attgcordnel) mit In-
schriften, welche den Psalmen Benedicite
und Laudate Dominum in Sanctis
! ejus entnommen sind (Dankpsalmen, die
nach der heiligen Messe gebetet werden);
zu den Füßen der Engel große Füllhörner.
Ueber den oder die Künstler ist leider
nichts bekannt. In Preußen gibt es,
soweit bekannt, keine Kirche, deren Chor-
gestühl dem hiesigen an die Seite gestellt
werden könnte, ivohl aber in Süddentsch-
land. Zn bedauern ist, daß in dem
weichen Holz der Ornamente der Wurm
arg gehaust hat. Doch steht dem-
nächst die Renovation des Chorgestühls
bevor.
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