Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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liche Untersuchungen werden ausgeschlossen, auf
quellenmäßige Darstellung ist der Wert gelegt.

In langer Iieihe von 29 Kapiteln läßt der
Verfasser au uns vorüberziehcn die Grundlage»
und Anfänge der Marienverehrung in Deutsch-
land und Frankreich, die Marienkirchen, Marien-
feste, Marienbilder, Marianische Literatur, maria-
nische. Wallfahrten und Wallfahrtsorte, Mnrien-
verehrung in den verschiedenen Orden, int Volke,
in der Liturgie, Marienreliquien, endlich Darstel-
lungen einzelner Seiten des Marienlebens. Man
erkennt schon aus dieser einfachen Aufzählung der
Hauptthemate, welch weitausgreisende und ge-
waltige Arbeit hier geleistet ist.

Es sind freilich manche Vorgänge für diese
Arbeit gegeben. Aus der neueren Zeit kann
unter Absetzung älterer bei Liell verzeichneter
Literatur erinnert iverden an Lehn er, Die
Marienverehrung. Stuttgart 1871; Liell, Die
Darstellungen der allerseligsten Jungfrau und
Gottesgebäreri» Maria. Freiburg 1887; Fa lk,
Marienverehrung an> Mittelrhein l „Katholik" 1888
1, 427) und Marianum Moguntinum; Hergen-
röter, Die Marienverehrung in den zehn ersten
Jahrhunderten (Frlf. zeitgeni. Brosch. VI, 8,197).
Allein Beissel gibt hier zum erstenmal eine alles
Wichtige zusaninienfassende Darstellung der Ge-
schichte der Marienverehrung in Deutschland, die
auf eindringlichem Quellenstudium beruht. Die
außerordentlich fleißige und tiefgrabende Arbeit
wird sich ziveifellos in die Bibliotheken des hoch-
würdigen Klerus einführen, der darin eine Fund-
grube auch für religiöse Vorträge über Marien-
verehrnng besitzt, wie sie gerade für den Maimonnt
erivünscht sein inag. Es kann hier auf Einzelnes
nicht eingegangen werden. Der Historiker wird
wohl nn manchen Punkten etivas inehr quellen-
kritische Behandlung der legendären Stoffe wün-
schen müssen. Ter Kunsthistoriker wird kaum
Wesentliches vermissen, wenn auch int Detail Er-
gänzungen möglich wären, und für die reichlich
beigegebenen Illustrationen werden alle dankbar
sein. Zu S. 487 sei bemerkt, daß das Original
des „Thrones Salomos" seit zwei Jahren nicht
mehr in Bebenhauseti, sondern in Stuttgart ist,
während Bebenhausen nur mehr eine Kopie des
Werkes besitzt. — Ein sehr eingehendes und ge-
naues Register beschließt den inhaltreichen Banv,
Veit wir aufs nachdrücklichste entpfehlen dürfen.

Tübingen. Ludwig Baur.

Feuerst ein, „Der hl. Antonius, den
Fischen predigend". Derselbe,
„Der hl. Franziskus stiaverius,
die Indier taufend". Photogravüren,
60x86 cm mit Papierrand. Verlag
der „Deutschen Gesellschaft für christliche
Kunst", München. Preis pro Blatt 15 M.
Einem Wunsche der Verlagsanstalt entsprechend
füge ich der einläßlichen Würdigung der beiden
Feuersteinschen Originalien int „Kunstarchiv" eine
solche der Neproduktionen an, umso lieber, als
Feuerstein selbst sich mit meiner Interpretation
seiner Arbeit rückhaltlos einverstanden erklärt
hat. Auf de» Inhalt, den Charakter, die künst-
lerischen Qualitäten der Bilder brauche ich nicht
mehr einzugehen Wer dieselben nicht kennt,
sei auf meine Ausführungen und die Beilagen

im verflossencn und int laufenden Jahrgang
dieses Organs verwiesen. Bei einer Reproduk-
tion handelt es sich einzig darum, ob und in-
wieweit sie denr Original gerecht wird. Daß
die Konturen richtig wiedergegeben sind, ist bei
der Photogravüre selbstverständlicher als beim
Kupfer- und Stahlstich, denn hier kann sich we-
niger leicht ein entfremdendes Element zwischen
Vorlage und Wiedergabe drängen. Es handelt
sich dabei um ein Kupferdruckverfahren, bei dem
zunächst eine photographische Uebertragung auf
die Kupferplatte erfolgt; dann kommt stufenweise
Aetzung in Eisenchloridbädern und zuletzt die Nach-
hilfe durch den Kupferstecher. Schwere Zeichen-
fehler sind also ausgeschlossen. Und doch ist noch
eine sehr weite Möglichkeit von Mängeln vor-
handen. Moderne Gemälde, auch wenn sie nicht
„modern" im verfänglichen Sinne fiitb und dem
extremen Impressionismus nicht huldigen, stellen
die Gestalten doch nicht so nebeneinander, daß
man — wie man es für die Werke eines noch
vor kurzer Zeit vielgenannteu Künstlers. vorge-
schlagen hat — die einzelnen Figuren bequem
hernusschneideu könnte, sondern sie malen die
Luft mit, die sie umwebt und das Vor- und
Hintereinander wesentlich markieren hilft. Da-
durch allein schon werden die Lokalfarben ge-
mildert und gegeneinander ausgeglichen. Ferner
muß von einer guten Reproduktion verlangt
iverden, daß sie den Farben gerecht wird und
dieselben wenigstens ungefähr ahnen läßt. bezw.
mit ihren Mitteln den einzelnen Gestalten etwas
von dem individuellen Gepräge verleiht, daS in
der Polychromie erreicht wird.

Treten wir mit diesen Forderungen an die bei-
den Reproduktionen heran, so können wir rückhalt-
los anerkennen, daß sie denselben entsprechen.
Jede einzelne Gestalt tritt so aus dem Bilde heraus,
wie wir sie früher »ach Haltung, Stellung, Stim-
mung :c. gekennzeichnet haben. Sie sind nicht
in einen homogenen Nebel gehüllt, sondern heben
sich ohne besondere Betonung der Umrisse deut-
lich von ihrer Umgebung ab und lassen ohne
Polychromie doch ihr Kolorit int Original ahnen.
Man betrachte z. B. bei der „Taufe" die Wasser-
trägerinnen. Der Standort derselben ist eng
umschrieben, die Beleuchtung allein kann also
keine großen Unterschiede bei ihnen hervorbringen,
und doch — wie individuell sind sie gehalten
auch im Ton. Oder auf dem Bild mit der Fisch-
predigt: Der Leibrock des niedergebcugten Jüng-
lings vorn rechts, der Mantel des Greises vorn
links und das Kopftuch der mit gespreizten
Fingern dastehenden alten grau hinter dem Fisch-
weib bezeichnen die hellsten Partien, und doch
verrät die verschiedene Abstufung des Helligkeits-
grades, in der sie sich bieten, daß es trotz der
weißen Farbe nicht derselbe Stoff und damit
auch nicht derselbe Grundton ist. Oder man ver-
gleiche auf dem Laveriusbild die beiden Männer,
die in aufrechter Gestalt dicht nebeneinander im
Vordergrund, also auch ungefähr in derselben
Beleuchttmg stehen. Wie scharf heben sie sich
voneinander ab bis hinauf zur Kopfbedeckung!
Der Unterschied der Färbung ist trotz der total
andern Ausdrucksmittel doch zur Darstellung ge-
kommen. Oder — um zu „Licht und Schatten"
überzugehen: Welch ungünstigen Platz hat nicht
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