Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 56
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so unscheinbaren liturgischen Gegenstand
wie das Weihwasserkesselcheu aus kost-
barem Material und mit künstlerischem
Schmuck herzustellen wußte, womit natür-
lich nicht behauptet werden soll, es sei
früher stets und überall ein Kunstgegen-
stand gewesen, von dem wir uns be-
schämen lassen müßten. Aber immerhin
reden diese wenigen Zeilen vielleicht laut
genug, um hie und da Veranlassung zu
werden, bent Gefäß für das sonntägliche
Asperges etwas mehr Aufmerksamkeit
zu schenken und das geweihte Wasser,
wie Regino von Prüm sagt, auszuteilen
ex vnse niticko et tanto ministerio
convenienti').

Katholische Kirchenkunst und
moderne Kunst.

Von Prof. Dr. Ludwig Baur, Tübingen.

(Schluß.)

Seine höchste Vollendung erlangte der
konstruktive Gedanke und die statisch
vollendete Berechnung in der Gotik, wäh-
rend die Renaissance wieder auf die antik-
römischen Konstrnktionsmethoden zurück-
griff.

Die architektonischen Formen hängen
mit dem Material aufs engste zu-
sammen. Daher bedingt verändertes
Material auch veränderte konstruktive
Formen, und eben an diesem Punkte be-
gegnen wir einer neuzeitlichen Forderung:
der Verwendung des Eisens auch im
Kirchenbau. Ein französischer Architekt
hat auch bereits eine Kirche aus Eisen
hergestellt: sie hat das profane Aus-
sehen einer Markt- oder Bahnhofhalle,
da die ganze Eisenkonstruktion bloß liegt.

Hier entstand nun die große Streit-
frage: Soll und kann das Eisen für den
modernen Kirchenbau Verwendung finden
und in welchem Unrfang kann das ge-
schehen? Es ist klar, daß Eisen an
Stelle des Holzbalkens zum dünnen Stab-
werk wird, das verhältnismäßig hohe
Lasten zu tragen vermag. Dabei mag
es sofort als ein Fehler bezeichnet sein,
wenn man eiserne Säulen nach Art
griechischer Säulen ausbilden ivill; denn
die griechische Säule ist aus der Stein-

*) De ecclesiasticis disciplinis, I. 1. c.
1, n. 35. Migne 132, 188

form herausgewachsen und mit dieser aufs
allerengste verknüpft. Das Eisen ist
plastischer Gestaltung unzugänglich. „Das
Eisen," sagt Scheffler, „verbietet jede
willkürliche Verzierung, selbst die Schnitze-
reien und Bemalungen, die den Holzbau
so reizend machen können, sind unmög-
lich, weil es dem Eisen ganz an Plastik
fehlt, weil es nur als Linie wirken kann.
Die Linie bedeutet in der Baukunst nichts,
die Masse alles 1)." Das Eisen ist bis
heute ästhetisch nicht bewältigt! So wirkt
es, wo immer es offen liegt, unkünst-
lerisch, profan.

Anderseits kann es nicht verborgen
bleiben, daß die Verwendung des Eisens
in Verbindung mit Zement auf die Ge-
staltung der Decke und des Daches
und damit rückwirkend auf die Raum-
gestaltung und Anlage selbst nicht ohne
erheblichen und beachtenswerten Einfluß ist.

Der Eisenbau hat es dem modernen
Architekten ermöglicht, steife Dachkonstruk-
tionen zu schaffen, durch welche die Dach-
höhe herabgemindert wird. Man kann
— wie es bei der Garnisonskirche in Ulm
geschehen ist — das Gesims der Seiten-
schiffe tiefer herabsenken und sich konstruktiv
freier bewegen 2).

In einer Reihe von Fällen der neuesten
Zeit ist Eisenbeton 3) für die Konstruktion
ver Decke verwendet worden: so z. B.
in D r e s d e n (katholische Garnisonskirche),
in München (Rupertuskirche) u. ö. —
Gurlitt führt a. a. O. als besonders
schätzenswerten Vorteil diesen Eisenbeton
auf, daß es dadurch möglich werde,
Deckenkonstruklionen von weitester Spann-
weite zu schaffen, daß der seitliche Schub
fast ganz aufgehoben wird. Weiter ver-
wendet man auch Gips-Draht-Konstrnk-
tionen zu demselben Zwecke.

Man möge das Weitere über diese
Eisenbetondecken und Drahtputzgewölbe
(Rabitz) bei Gurlitt (S. 441) Nachlesen,
der seine Ausführungen schließt: „Die
Verwendung solcher und anderer Decken-
formen muß dem Architekten auch im
Kirchenbau sreistehen, solange es sich um
eine Dauer versprechende Anlage handelt.

-) A. a. O. S. 15.

2) Gurlitt, «. c>. O. S. 438.

s) Darüber vgl. Handbuch der Architektur 111
Teil II, 3, S. 75 ff.
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