Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 58
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in die figurale, die möglichst geringe
Verwendung von ftgurnlem Schmuck über-
haupt, ... die Klarheit der ornamentalen
Form n. a. m.

Das Charakteristikum hieratischer Kunst
— auch der Baukunst — ist die Symme-
trie, und speziell in der Kirchenbaukunst
wird die Symmetrie stets die Grundlage
bilden müssen, die durch asymmetrische
Gestaltungen wohl variiert, belebt und
ihrer Starrheit entkleidet werden, aber
niemals grundsätzlich aufgehoben werden
darf. — Die modernen Tendenzen gehen
hierin nicht selten zu weit. O. Wagner
bemerkt hierüber zutreffend: „Es liegt
etwas Abgeschlossenes, Vollendetes, Ab-
gewogenes, nicht Vergrößerungsfähiges,
ja Selbstbewußtes in einer symmetrischen
Anlage. Auch Ernst und Würde, die
steten Begleiterinnen der Baukunst, ver-
langen sie. Erst dort, ivo Platzform,
Zweck, Mittel, UtilitätSgründe überhaupt
die Einhaltung der Symmetrie unmöglich
machen, ist eine unsymmetrische Lösung
gerechtfertigt. Das Nachäffeu unsynime-
trischer Bauwerke oder ein absichtlich un-
symmetrisches Komponieren, um eine an-
geblich uialerische Wirkung zu erzielen,
ist ganz verwerflich^)."

Die deutsche Auustausstellung in Laden-
Baden.

Von Prof. Dr. Rohr-Straßburg.

Die Einweihung eines Gotteshauses bedeutet
eine» Erfolg und zugleich ein auf Jahrhunderte
oder Jahrtausende berechnetes äußeres Monu-
ment desselben für die betreffende Religionsge-
meinschaft. Und die Einweihung eines Tempels
für die bildende Kunst ist eine Errungenschaft
fürs Reich des Schönen, die einen Um- und
Aufschwung und unter günstigen Verhältnissen
sogar eine neue Epoche einleiten kann. Wenn
nun eine sülche nicht gar weit vom Bereich der
schwarz-roten Grenzpfähle und an einer auch
voui Leserkreis des Kunstarchivs mehr und mehr
frequentierten Erholungsstätte sich vollzog, so ist
das ein Ereignis, das in diesem Organ registriert
zu werden verdient.

Es ist immer mißlich für ein Land, wenn
Hauptstadt und größte Stadt nicht identisch sind
und das Ziel der politischen und das der kom-
nierzielle» Interessen auseinanderliegen. Kunst
setzt Wohlstand wie geistigen Hochstand voraus,
kann und soll gelegentlich ein „Herz-ruh-aus"
werden für die in der Arena des öffentlichen
Lebens oder persönlichen Ringens Erniaiteten, sie
kann auch zum Geschichtsfaktor werden und der

') A. a. O. S. 88.

Menge neue und zugkräftige Ideen suggerieren.
Sie hat, wenn dauernd eine „Kunst ohne Gunst",
also ohne Zugkraft aufs kauffähige Publikum,
einen harten Stand und wird ihn zu verbessern
suchen, sie greift mit ihren Wurzeln wie mit
ihren Zweigen oft — und gerade in der Gegen-
wart energischer als in mancher früheren Periode
— über den heimatlichen Boden und die heimat-
liche Luft hinaus, empfängt Einflüsse und übt
solche aus und — besieht sich den Käufer in der
Regel nicht auf seine Nationalfarben. Wenn man
also dem Wunsche nach einem ständigen Aus-
stellungsraum mit Aussicht auf eine der Sache
entsprechende Frequenz Folge gab, ohne auf den
Ruf „hie Karlsruhe" oder „hie Mannheim" zu
hören, sondern das kleine, aber in geivissem
Sinne internationale Baden-Baden wählte, so
läßt sich der Grund unschwer errate». Und wer
nicht die genügende Kombinationsgabe dazu be-
sitzt, dem verrät ein Festberichterstatter sans
phrase: man habe der Kunst eine Stätte er-
öffnen wollen an der „Goldader des Verkehrs".
Es war ein guter Gedanke. Zwar hat Karls-
ruhe sich einen vollklingenden künstlerischen Ruf
gesichert und die „Karlsruher Schule" ist eine
Macht, und in Mannheim absorbieren die kom-
merziellen Interessen sicher nicht das ganze geistige
Tun; aber Baden-Baden bietet doch in ganz
anderem Sinne als die beiden Großstädte das
Milieu, um dem Sturm und Drang einen Ruhe-
punkt zu bieten und der körperlichen Erholung
den Genuß des Schönen nicht nur im großen
Gottesreich der Natur, sondern auch im Geister-
reich der Kunst ein ideales Aequivalent an die
Seite zu geben. So zieht denn auch der Zauber
Baden-Badens manchen an sich, der an Karlsruhe
und Mannheim ungerührt vorüberfährt. Ob die
gleichfalls an der Wiege des neuen Unternehmens
ausgesprochene Hoffnung auf einen großen mate-
rielle» Erfolg oder eine welttragende ideelle Nach-
und Fernwirkung sich erfüllt, das muß die Zu-
kunft lehren.

Man hat ja mit Recht die herbe Frage auf-
geworfen: „Was taten bisher unsere feudalen
deutschen Bäder, in beiten auf den Neunions
Tausende, auf den Rennplätzen Hunderltausende
an Einen Tage umgesetzt werden, für die
Kunst?" Man hat sich auch sofort selbst die
bittere Antwort gegeben: „Sie ivar das Aschen-
brödel und blieb es." Aber eben an den neuen
Kunstteitipel knüpft man die Hoffliung: „Von
dieser Ausstellung wird die deutsche und im
engeren Sinne die badische Kunst die kräftigsten
Impulse erfahren, und es wird dereinst eine
dankbare Aufgabe für den Kunsthistoriker sein,
die segensreichen Einflüsse Badens auf das Kunst-
leben bis in ihre ersten bescheidenen Anfänge zu
verfolget,."

Man kann „so sagen". Man kann aber auch
„anders sagen", und zwar gerade dann, wenn
man an die „Tausende auf den Neunions" und
die „Hunderttausende auf den Rennplätzen" denkt.
Karten, Pferde und andere „reale" Attraktionen
sind gefährliche Konkurrenten für Gemälve und
Skulpturen. Aber es ist begreiflich, daß ein Er-
öffnungsfest eine Hochflut liihner Hoffnungen aus-
löst, und wenn auch nur ein Teil derselben über
den engeren Künstle'.l.eis hinauszuströmen ver-
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