Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 59
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mag, so könnte darin schon der Anfang der Er-
füllung liegen.

Den geistigen Urhebern wie den ausführen-
den Organen des neuen Unternehmens kann man
das Zeugnis nicht versagen, daß sie ein seines
erhabenen Zweckes wie seines vom Schöpfer so
verschwenderisch ausgestatteten Standortes wür-
diges Werk geschaffen haben. Der Neubau er-
hebt sich am Eingang der vielbewuuderten Lichten-
taler Allee, von der Kurpromenade nur durch
eine Straße und zwei Gebäude, von der Allee
selber durch ein schmales Rasenband getrennt.
Prächtige Baumkronen leihen ihm Schutz und
Schatten und dienen ihin als Folie. Ihr frisches
Grün hebt das Helle Grau des Sandsteins kräftig
heraus. Freitreppe und Fassade sind schlicht und
doch monumental gehalten. Nur die kleinen
Parterrefenster sowie jonische Pilaster, das Lan-
desirappeu und die Jahreszahl beleben die Front.
Das Obergeschoß hat Oberlicht. — Links und
rechts voin Eingang ist die Garderobe und der
Verkaufsraum für Kataloge und Reproduktionen
untergebracht; daran schließen sich geradeaus mtb
rechts sofort drei Ausstellungsräume, im Hinter-
grund Sekretariat und Nebenräume. Das Haupt-
geschoß mit insgesamt zwölf Ansstellungslokalen
gliedert sich um einen kleinen Hof, ermöglicht
also außer Ober- teilweise auch Seitenlicht und
bietet namentlich für Vereinigung innerlich zu-
sammenhängender Bildergrnppen geschlossene Aus-
stellungssäle und -Kabinette. Außer deni Geschick
in der Disposition verdient die glückliche Kom-
bination von Gediegenheit, Harmonie und Zweck-
mäßigkeit der Ausstattung volles Lob. Treppen-
stufen und Treppenwände sowie die Verkleidung
der Heizkörper bestehen aus Marmor; der Boden-
belag aus hellbraunem Linoleum, die Wandbe-
kleidung aus naturgrauem Stoff; der Uebergang
von da zu den Oberlichtern ist weiß belassen.
So ist das ganze Innere niöglichst neutral ge-
halten, um jeden Druck auf die Wirkung der
Bilder zu eliminieren. Trotzdem macht das
Ganze keinen nüchternen, sondern einen einfach-
gediegenenen Eindruck.

Ihre besondere Weihe erhielt die Eröffnungs-
feier durch die — seit dem Thronwechsel erst-
malige — Anwesenheit des Großherzogspaares
in der alten Bäderstadt, und diese augenschein-
liche Bekundung lebhaften Kunstinteresses an
maßgebender Stelle wurde von allen Festgenossen
als günstiges Omen für die Zukunft besonders
freudig begrüßt und erhielt in einer sinnig ar-
rangierten künstlerischen Huldigung am Eingang
der Festräume die ihrer würdige Antwort der
Künstlerkreise.

Entsprechend dem von Anfang an für den
Neubau in Aussicht genommenen Zweck — der
einheimischen Kunst ein ständiges Heim und zu-
gleich die Möglichkeit zur Revanche für die im
weitgehendsten Maße anderwärts genossene
Gastfreundschaft zu bieten — umfaßt die der-
zeitige Ausstellung Werke einheimischer und
fremder Kunst. Außer Karlsruhe ist auch Straß-
burg und Stuttgart, München und Dresden
Worpswede und Berlin, Darmstadt und Düssel-
dorf, Danzig und Königsberg, Breslau und
Leipzig, Weimar und Frankfurt rc. vertreten,
und ein orientierender Bericht hebt hervor:

„Anderes als Vollwertiges ließ die Jury nicht
passieren." Ein anderer dagegen klingt weniger
prätentiös. Nach ihm hätte „sich die Jury wie-
derholt gesagt, daß zwischen dieser Fülle wirklich
gediegener Werke auch einmal ein weniger be-
deutendes Raum finden könne". Die Ausstellung
„ist also gewissermaßen auf eine breitere Basis
gestellt". — Somit ist Raum gelassen für Be-
denken gegen die eine oder andere Leistung, für
„Ausstellungen" an der Ausstellung.

(Schluß folgt.)

Literatur.

Der Kruzifixus in der bildenden
Kunst von Or. Gustav Schöner-
mark. Mit 100 Abbildungen. Straß-
burg (Heitz u. Meindel) 1908. VI und
85 S. Preis geb. Mk. 12.—.

Eine erschöpfende und vor allein eine das
Geheimnis des Kreuzes gehörig abmessende
Arbeit über die Kruzifixusdarstellungen in der
bildenden Kunst ist eine ganz grandiose Aufgabe.
Es dürfte sie eigentlich nur ein ganz tiefer Geist
in Angriff nehmen, der imstande wäre, die
ganze Glut des Glaubens, der Hoffnung, der
Liebe, die ganze Glaubenstiefe, welche aus der
Seele der ringenden Menschheit im Laufe von
zwei Jahrtausenden am Kreuze nufgeleuchtet hat,
nachzuempfinden uub in farbenprächtigen Pinsel-
strichen vor uns lebendig werden zu lassen. —
Nicht bloß das: Man muß auch die Anforderung
stellen, daß der Darsteller ein vollgerütteltes
Maß theologisch-dogmatischen, liturgischen und
liturgiegeschichtlichen Wissens mit dem Wissen
des Kunsthistorikers in sich vereinigt. Sonst wird
er entweder direkt irre gehen, oder mindestens
vieles nicht sehen, was er sehen könnte und sollte.
Die bei Heitz in Straßburg erscheinenden „Stu-
dien zur deutschen Kunstgeschichte" haben schon
so manchen wertvollen und schätzenswerten Bei-
trag zur Eriveiterung und Vertiefung unseres
kunsthistorischen Wissens geliefert. Das vor-
liegende Buch, dem der Verlag eine sehr wür-
dige und vornehme Ausstattung gegeben hak,
habe ich mit deni größten Interesse in die Hand
genommen und — mit von Seite zu Seite stei-
gender Enttäuschung beschloß ich seine Lektüre.
Der Verfasser zeigt sich dem Stoffe, den er dar-
zustellen unternahm, leider in keiner Weise ge-
lvachsen: weder seine historischen, noch auch seine
theologischen Kenntnisse reichen aus.

Unzulänglich ist, was in der Einleitung über
die Gründe des relativ späten Aufkommens der
Kreuzigungsdarstellung gesagt ist. S. 9. Der
Anker als Symbol der Hoffnung hat seine Stütze
schon im Hebräerbrief ^6,18). S. 12. Die Stelle:
„Ich bin das Alpha und Omega" ist Offenb. I, 8;
21, 6; 22, 13 nicht Christus, sondern Gott in den
Mund gelegt. — S. 21. Was soll ein Satz wie der:
„Die Kreuzesdarstellung besagt, daß man ange-
fangen hatte, die Erlösung statt in der Menschwer-
dung im Opfertode Christi zu sehen." ? — S. 29
ist besonders tiefsinnig unterschieden: „Für den in
hellenisch-alexandrinischer Philosophie Gebildeten
war der am Kreuze Hängende der Lehrmeister
der Menschheit, ihr Führer und Gesetzgeber; in
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