Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 65
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machers nueberfinbeii. Die Zuhörerschaft
des Predigers ist in mehrere Gruppen
verteilt. Links vorn ist eine Familie:
Munn, Frau nnb Kind mit einem Lamm
plaziert, hinter ihnen eine Anzahl von
Gesetzesgelehrten, bie zum Teil in tiefes
Nachdenken versunken sind, zum Teil
Widerspruch in ihren Mienen zeigen.
Weiter zurück hinter einem großen Baume
nahen sich nochmals drei Pharisäer. Bon
rechts kommen zwei Personen wie in
eiligem Lauf auf Johannes zu. Neben
ihnen sitzen Leute aus dem Volke am
Boden, während weiter rechts drei Soldaten
und ein Frauenzinnner sich ebenfalls in
Anfmerksanrkeit dem Prediger zuwenden.
Diese letztere Gruppe ist die schönste und
beste. Auf einem in der Nähe der
Soldaten liegenden Felsstück liest man
die Inschrift: Josephus Wannenmacher
de Domerdingen invenit et pinxit
1747. Die Farben des Bildes im Vorder-
grund sind ziemlich verdunkelt, das Grün
ist vielfach grau geworden. Auch ist die
Farbenzusammenstellung nicht recht har-
monisch. Johannes könnte man fast eher
als eine Christnssigur auffassen. Das
Gewölk ist etwas unbeholfen gezeichnet
und auch die Gewandung ist nicht mit
der sonst bei Wannenmacher vorhandenen
Bravour ausgeführt.

Zwischen diesem ersten und dem zweiten
Hanptgemnlde des Schiffes befindet sich
eine Kartusche, die, gelb in gelb gemalt,
das Martyrium der beiden Johannes
schildert. Die erste Hälfte des Bildes
(links) zeigt, wie der Henker den Johannes
den Täufer in einer durch Säulen ge-
gliederten Gefängnishalleenthauptet. Durch
ein hohes Gebäude und einen Baum-
strunk ist dieser Teil des Bildes geschieden
von: anderen, wo in einem freien Hof
über einem Feuer ein Kessel hängt, in
den Johannes der Evangelist bis zur
Brust eingetaucht ist. Drei Henkersknechte
schüren das Feuer, Soldaten halten
Wache. Zeichnung und Ausführung sind
roh, vielleicht auch übermalt, jedoch ist
daS Ganze nicht ohne Wirkung.

Das zweite große Deckengernälde bietet
eine Darstellung der in der Geheimen
Offenbarung des Johannes,Kap. l 2, V. l ff.,
erzählten Vision. Auf der vom Ale er
umspülten felszerklüfteten Insel Palnros,

die von üppiger Vegetation belebt ist,
kniet Johannes der Evangelist ans
einem Felsstück, in grünes Kleid und rolen
Mantel gewaudet, und schreibt in ein ans
einem Felsen liegendes Buch das wunder-
bare Gesicht: in der aus den Wolken
strahlenden Sonne steht, den Mond zu
ihren Füßen, eine Franengestalt (Maria
oder die Kirche) in braunrotem Gewand
mit himmelblauem Mantel, eine Krone
auf dem Haupt, deren Zacken durch
Sterne gebildet sind, umgeben von vielen
Engeln und einer Unzahl von Engels-
köpschen gegenüber dem siebenköpfigen
Ungetüm. Links von Johannes hält ein
Engel den Kelch mit der daraus züngeln-
den Schlange, drei Putten spielen zu den
Füßen des Heiligen, eine von ihnen hält
den Adler fest, während ein Engel den
vergnügten Zuschauer macht. Das ganze
Bild ist nach links abgeschlossen durch
einen Baumstorreu und das von vielen
Segeln belebte Meer, nach rechts durch
eine» üppig emporgeschossenen Baum. Das
Bild ist ohne Künstlernamen, die Ge-
wandung ebenfalls nicht gut, während
das Gesicht der Frauengestalt ganz den
Charakter der Wanneumacher- Gesichter
zeigt.

In den vier Ecken der Decke befinden
sich, gelb in gelb gemalt, vier Medaillons:
l. links vorn: am Himmel ein großer
Stern, während hinter einem Berge der
Mond sich heraufhebt; 2. rechts vorn:
ein Vogel singt auf halbverdorrtem
Baume; 3. links hinten: ein Spiegel;
4. rechts hinten: der untergehende Mond.

(Fortsetzung folgt.)

Die deutsche Kunstausstellung in Laden-
Baden.

Von Prof. Or. Rohr, Straßburg.
(Schluß.)

Der Berichterstatter für ein Organ mit christ-
licher Tendenz har Anlaß zu solchen Ausstellun-
gen. Es ist vor allem die eine, daß die christliche
Kunst fast vollständig fehlt. In einem ivohl-
habenden Lande mit katholischer Majorität kann
das etivas befremde». Liegt der Mangel auf
der Seile, von der das Angebot, oder auf der,
von der die Nachfrage kommen sollte, oder auf
beiden? Ein badisches Spezifikum ist dies Ver-
sagen der christlichen Kunst allerdings nicht. Die
Straßburger Ausstellung des vorigen Jahrs zeigte
au derselben Stelle eine Lücke, und wer die jed-
jährlichen Bilderparaden großer Kunstzentren be-
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