Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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sucht, der steht vor derselben Tatsache. — Mögen
die Ursachen liege», wo sie wolle», ganz normale
Zustände sind es auf keinen Fall, und ein fast
völliges Fehlen der christlichen Kunst unter so uietm
(447) Kunstwerken ist und bleibt auffällig. Aller-
dings ist es nur ein fast, kein ganz völliges
Versagen. Es finden sich immerhin neun Num-
mern, welche mit dem christlichen Bilder- oder
Jdeenkreis und Leben sich — wenngleich manch-
mal nur noch sehr lose — berühren. Die plasti-
sche Abteilung weist einen David, eine Johannes-
büste und ein „Haupt des Täufers" auf. Ist
auch „David" (als „Akt") nicht für eine Kirche
gedacht, so bedeutet er doch immerhin eine tüch-
tige Leistung (von Gerstel-Karlsruhe). Die Jo-
hannesbüste (von Hermann, ebenda) ist eine wür-
dige Behandlung des Gegenstandes und das
Energische und Äszetische, das den Täufer aus-
zeichnete, wie das Schreck- und Gespensterhafte,
das mit der Erinnerung an sein Haupt an der
Tafelrunde des Herodes ivohl dauernd verbunden
blieb, haben hier (durch Greiner-Jugenheim)
einen packenden Ausdruck gefunden.

An Geniälden ist vor allem Nr. 40ä zu
nennen: Kain und Abel von H. Thoma. Es ist
interessant, dem Allineister der Karlsruher Schule,
deni signifikantesten Vertreter bodenständig-badi-
scher Kunst auf cinem Felde zu begegnen, das
er sonst selten bebaut hat. Er ist derselbe, wie
auf andern Gebieten auch. In den dargestellten
Personen kein raffaelitisches oder präraffaelitisches
Schönheitsideal, sondern Gestalten aus dem den
Künstler umgebenden Leben heraus, aber in der
Wiedergabe der Stimmung durch den äußern
Ausdruck, in der Anpassung zwischen Ereignis
und Hintergrund, dem Zusaininenklang des ab-
grundtiefen Hinunels mit deni Not der Flammen
auf den beiden Opferaltären, des leisen Dunst-
schleiers, den der Rauch webt, ist er seiner be-
währten Meisterschaft treu geblieben.

Ganz anders mutet der Nachbar von Kain
und Abel, „Hiob" (von Bühler-Roin), an. Der
Gegenstand ist von der bildenden Kunst schon
oft variiert worden. Seine Behandlung durch
Bühler ist trotzdem eine originelle — er hat ihn
einfach in die Gegenwart verlegt. Neu ist das
Verfahren als solches ja nicht. Schiestls „volks-
tümliche" Heiligengestalten, namentlich seine
Bauernheiligen, sind nachgerade männiglich be-
kannt und sogar teilweise in der Zeitschrift für
christliche Kunst, dem Organ der „Deutschen Ge-
sellschaft für christliche Kunst", gewürdigt und
reproduziert worden. Das anfängliche Befrem-
den hat sich, wenn auch langsam, in Achtung
vor ihm verwandelt, nachdem einmal klar aus-
gesprochen war, was er gewollt und was nicht,
wohin er seine Bilder bestinimt und wohin nicht.
Auch hat ihm ja die Uhdesche Richtung schon
längst vorgearbeitet, teilweise auch die „Elend-
malerei", wenigstens soweit sie ihren Szenen
eine biblische Etikette gab. Ferner ist nicht zu
vergessen — und die Neuzeit hat ja oft genug
daran erinnert, — daß kein Geringerer als Albrecht
Dürer seinen biblischen Gestalten das Gewand
seiner Zeit gab, allerdings nach deni Vorgang
der geistlichen Schauspiele, und die Kostümierung
bei dem so viel gerühmten Gebhardt iveist in
dieselbe Periode. Das Hiiuvegsehen über die

„Kleidcrordnung" füllt also nicht mehr so auf,
>vie noch vor kurzem, und wer in dieseni Sinn
„modern" geworden ist und eine Uebertrngung
des biblischen Vorgangs in die Gegenwart ver-
winden kann, auf den wird die packende Wieder-
gabe menschlichen Elends und menschlicher Rat-
losigkeit angesichts desselben einen tiefen Eindruck
nicht verfehlen. Es liegt unendlich viel Weh
schon allein in dem Blicke Hiobs und unendlich
viel Elend, aber auch eine feste Entschlossenheit
in dem zuckenden, aber eben doch geschlossenen
Mund, und den am Boden kauernden Freunden
sind die Rätsel, die das Leiden nufgibt, und die
Gefühle, die es anslöst, deutlich ins Angesicht
geschrieben und lasten mit ihrem Druck auf ihren
Häuptern und Schultern. Wer all das auf sich
ivirken läßt, der hält sich nicht mehr so sehr
darüber auf, daß sie statr Eliphaz, Baldad und
Sophar ebensogut Maier, Baier und Saier
heißen imö wohlhabende Schashalter vom
Schwarzwald sein konnten. Wenigstens weisen
der Schnitt ihrer Züge wie ihrer Anzüge, der
Unilegkragen und die schivarze Krawatte so un-
gefähr in die Berghänge über Baden-Baden,
und selbst auf die Fähigkeiten des Barbiers ihrer
„ländlichen" Heimat läßt sich ein Schluß ziehen.
Nur werden derartige geistige Digressionen eben
immer wieder zurückgedrängt durch den wuchtigen
Eindruck des Elends der Hauptfigur — und
das mag der Künstler ungefähr intendiert haben.
An den Ankauf für eine Kirche hat er wohl
selbst nicht gedacht. Ta es sich jedoch um ein
nlttestamentliches Sujet handelt, so dürften sich
damit die Aussichten auf Liebhaber für das
Werk wesentlich eriveitern.

Was sonst noch allenfalls hier zu besprechen
ist, dessen „kirchlicher Charakter" ist sekundärer
Natur: Bilder von Kirchen oder Szenen kirchlichen
Lebens: „Dom in Freiburg", d. h. eigentlich nur
die untere Partie des Turmes und ein Stück
des Marktplatzes mit guter Zusammenstiinniung
des dunklen Gemäuers des Turmriesen und der
Hellen Fassaden der Häuser gegenüber, ivobei die
Säulen vor dem Dom und der Marktbrunnen
mit ihren etwas tieferen Tönen den Ausgleich
zwischen den Gegensätzen vermitteln. „Zur
Vesperandacht" ist ein viel variiertes, aber von
Gudden (Frankfurt) doch in origineller (impres-
sionistischer) Weise behandeltes Sujet. Der Tilel
„der neue Kragen" läßt der Kombinationsgabe
einen weiten Spielraum, wenn es gilt, sein
Thema zu erraten. Und wenn es nun einen
kecken Jungen beim Obstdiebstahl darstellt, so hat
dies mit kirchlicher Kunst rein nichts zu tun.
Wenn dagegen der junge Missetäter in cinem
funkelnagelneuen roten Ministrantenrock mit ditto
Kragen steckt, so weist das allerdings energisch
i» die Nähe der Kirche, vielleicht sogar in den
Pfarrgarten. Derartiges soll wirklich schon vor-
gekommen sein, und da nun der Künstler das
Rot deS Nockes und der „verbotenen Früchte"
mit dein Grün der Blätter und dem sonnigen
Charakter der ganzen Szenerie vortrefflich zn-
sammenzustimmen weiß, so sind es nicht mehr
bloß die Gedanken an die inöglichen Folgen des
Vorgangs, ivelche das Interesse an dem Bilde
wecken und wach erhalten, sondern vor allem
dessen künstlerische Qualitäten. Reiht man an
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