Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 68
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ausstellen. Insbesondere hat ersterer bewiesen,
welch farbenfrohe und doch harmonische Bilder
gerade auf diesem scheinbar eng umschriebenen
Gebiete möglich sind, namentlich bei glücklicher
Auswahl der umgebenden Natur. Auch Paul,
Meyerheim-Berlin hat mit seinem „Naben, der
sich mit fremden Federn schmückt", ein prächtiges
Bild aus der belebten Natur gegeben und trotz
der vielen Klatschrosen auf dem dargestellten
Felde keine „Blutlachen" gemalt.

Feiner und vornehmer allerdings wirken
Leistungen wie Ferdinand Kellers „Piratennest".
Seine Eigenart ist ja längst bekannt und tritt
auch hier klar zutage. Aber die packende Zu-
sammenstimmung von Natur- und Menschenleben:
das Wogen in den Baumkronen, gleich als
wälzte sich das Verhängnis in Gestalt eines
düstern Wolkenballs dahin, das Hervorschiehen
des dunklen Räuberschiffes, gleich als hetzten die
Abenteurer ein schwarzes Seeungetüm auf ihr
Opfer — all das zusammen löst mit unbedingter
Sicherheit die Stimmung aus, die in dem dar-
gestellten Vorgang liegt. Wer bei Nr. 211
(Damenporträt) beachtet, wie das Gesicht durch
die dunkle Farbe des Hutes herausgehoben ist,
wie die Federboa die Pelzpeleriue abschließt,
wie verwandte Farben, nur in verschiedener
Stärke, sich vom Hintergrund zur Pelzpelerine
und von da zum Fell des vor der Daine stehen-
den Windhundes fortspinnen, wie trotz des vor-
herrschenden Silbergrau doch reiches Leben auf
der Bildfläche herrscht und kein Schemen, sondern
eine sehr scharf charakterisierte Individualität
gemalt ist, der wird es verstehen, warum der
Künstler gerade als Porträtmaler besonders ge-
schätzt wild, und iver mit Nr. 211 die in der
Nähe befindliche Nr. 323, mit Kellers Porträt
das der „Frau v. S." von Prophcter vergleicht,
der ivird sich freuen, in der Arbeit des Schülers
etwas von den Vorzügen der Kunst Kellers, des
Lehrers, aber auch so viel Eigenart zu entdecken,
daß vom Schüler Persönliches z>l erwarten ist.

Die genannten Porträts gehören deiil Salon
an. In einer Ausstellung mit so ausgeprägter
Betonung dis Landschaftlichen fragt man unwill-
kürlich auch nach dar Landbevölkerung, den Dorf-
szenen, Volkstypen k. Und hier klafft eine
Lücke. Zwar ist kein völliges Manko zu ver-
zeichnen, allein im Lande mit so malerischen
Trachten, eineui so emsig tätigen Trachtenverein,
mit so scharf unterschiedenen Stämmen der Be-
völkerung und einem Volksschilderer wie Hase-
mann würde inan mehr erwarten. Allerdings
entschädigt der eine „alte Bauer" (Nr. 405) von
Thoma für vieles und ist mit all der Sorgfalt für
die Arbeit und der intimen Kenntnis der Volks-
seele gemalt, welche den Künstler auszeichnen.
Auch Hasemanns „Korbflechter" hat nicht nur
einen signifikanten Typus herausgegriffen, son-
dern auch die Reize einer Schwarzwälder Bauern-
stube köstlich wiedergegeben. Allein sie haben
doch wenige Genossen auf dem genannten Gebiete.

Dagegen dürfen jene sagenhaften Wesen
nicht vergessen werden, mit denen die Volks- und
namentlich die Kinderphantasie Berge und Wäl-
der, Höhen und Erdritzen bevölkert: die Gnomen
und Zwerge, die Heinzcl- und Wichtelmännchen.
Heilig hat deren einige köstliche Gruppen geliefert

und einer der Matadoren der „Fliegenden Blät-
ter", Oberländer, hat in „Zwerg und Riesen"
ein an M. v. Schwind erinnerndes Prachtstück
ausgestellt (Nr. 207).

Zuletzt sei noch des Kunstgebietes gedacht,
auf dem die Karlsruher Schule eine förmliche
Revolution veranlaßt und sieghaft durchgesührt
hat: der graphischen K ü n st e.

Der Zweck derselben ist identisch mit dem
der Malerei. Die Mittel jedoch sind andere,
und es ist ein Erfolg der Karlsruher, durch-
gesetzt zu haben, daß man von der Graphik in
ihren verschiedenen Arten Wirkungen verlangt,
wie sie eben in der Natur dieser Mittel und
nur in ihr liegen, aber von denen des Pinsels
sich wesentlich unterscheiden. Schon der Name
„Schwarzweißkunst" bringt den vollzogenen Um-
schwung deutlich zum Bewußtsein. Es sei darum
auf den betreffenden Teil der Ausstellung uiuso
nachdrücklicher hingewiesen, als er gegenüber der
Plastik und Malerei naturgemäß sich weniger
augenfällig machen kann und auf verhältnis-
mäßig engem Raum allein annähernd ebensoviele
Nummern umfaßt, als die anspruchsvolleren
Schwesterkünste miteinander.

Unser Gesamturteil können wir dahin zusam-
menfassen : Das Niveau des Gebotenen steht
wesentlich höher als zu früheren Zeiten auf der
einen oder andern Ausstellung. Insbesondere
ist die Kunst in einer Reihe von Vertretern der
Natur näher gerückt, also natürlicher geworden
als zur Zeit, da der Ruf: „Zurück zur Natur!"
an: lautesten ertönte. Das Aufdämmern einer
eigentlich „deutschnationalen Kunst", das man
vielfach von Karlsruhe her erwartete, ist noch
nicht mit der Deutlichkeit wahrnehiubar, daß
man sich eines „neuen Tages" versehen dürfte.
Dazrr macht sich der Einfluß der französischen
Schule immer noch zu lebhaft fühlbar, und auch
.spanische Nachklänge fehlen nicht. Aber doch ist
der Drang zur Verselbständigung nicht zu ver-
kennen. Dagegen darf allerdings nicht ver-
schwiegen werden, daß weite Gebiete der Kunst,
und teilweise solche, in denen man eine Zeit-
lang geradezu ihre Hauptaufgabe sah, nach dem
Eindruck der Ausstellung brach zu liegen scheinen.
Aber das nicht zu verkennende redliche Ringen
läßt hoffen, daß auch hier neue Lebenskräfte sich
regen. Der Kunst möchte man es von Herzen
wünschen — und dem geneigten Leser, der das
neue Kunstheim besichtigt, wimsche oder vielmehr
verbürge ich trotz der einen oder andern weniger
sympaihischen Leistung im großen ganzen reichen
Genuß und viel Vergnügen.

Ein verloren gegangener Totentanz.

Von A. Marquart, Ludwigsburg.

Während noch in einer Abhandlung
in den „Deutschen Geschichtsblättern" von
Di*. Armin Tille (Band VIII von 1907,
S. 108 ff.) die Ansicht von W. Lübke
vorgetragen wird, die Totentänze seien
ein möglichst schreckhaftes lVIemento mori,
d. h. gemalte oder gemeißelte Predigten
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