Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 69
DOI Heft: 10.11588/diglit.15942.44
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15942.48
DOI Seite: 10.11588/diglit.15942#0080
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1909/0080
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
69

über das nie zn erschöpfende Thema von
der Hinfälligkeit nnd Vergänglichkeit alles
Irdischen, hat das neue ergebnisreiche
Buch von Dr. Karl Künstle, Universitäts-
Professor zn Freiburg i. Br.: „Die Legende
der drei Lebenden und der drei Toten
und der Totentanz im Zusammenhang
mit neuen Gemälvefunden aus bem
Badischen Oberland" — Freiburg i. Br.,
Herdersche Verlagsbuchhandlung 1908 —
über Entstehung, Form und Sinn der
Totentänze neue und überraschende Auf-
schlüsse gebracht.

Seit hundert Jahren bemüht mau sich
vergebens, die Entstehung der Totentänze
zu erklären — sagt Dr. Künstle —, keiner
der vorgesührten Versuche konnte allseitig
befriedigen; darum hat jeder neue Forscher,
der auf den Plan trat, denn auch auf
einem neuen Wege das Rätsel zn lösen
versucht. Während aber frühere Forscher-
vielfach der Ansicht waren, es spreche in
den Totentanz-Gemälden der personifizierte
Tod zil den Lebenden, daß alle Meirichen
sterben müssen und daß angesichts des
Todes alle Menschen gleich seien — dies
ist noch einer der Hauptgedanken der
Lübkescheu Ausführungen, daß weder die
Tiara des Papstes noch die goldene
Krone deS Kaisers, weder die Insul des
Bischofs noch das Zepter des Königs
gegen die Macht des Todes schütze —,
hat Künstle sehr lichtvoll und einleuchtend
nachgewieseu, daß die Totentänze nicht
ans das Sterben überhaupt Hinweisen
wollen, sondern sie warnen vor dem jähen
und unvorhergesehenen Tod, der für den
gläubigen Christen das größte Unglück ist,
nnd nicht der Tod als Sensen- oder
Knochenmann spreche in diesen schaurigen
Gemälden zn seinen Opfern, sondern die
Toten reden zu den Lebenden unter den
Menschen, die als Todeskandidaten aus-
ersehen sind. Vom 11. Jahrhundert ab
begegne uns in der sepulkraleu Sprache
aller Kulturvölker der Ruf der Toten an
die Lebenden: „Quod fuimus, estis;

quod sumus, vos eritis“.

Professor Künstle hat uns weiter nach-
gewiesen, daß es sich bei diesenr Spruch
um eine Entlehnung aus der Literatur
der Araber handle. Der arabische Dichter
Adr, der mit dem Könige von Hira —
Roman - um 580 ii. Ehr. au Gräbern

vorbeiritt, läßt die Toten dem Könige
zurnfen:

„Wir waren, was ihr seid:

Doch kommen wird die Zeit,

Und kommen wird sie euch geschwind.

Wo ihr sein werdet, was wir sind."

Künstle schließt sehr hübsch, die Natur-
geschichte lehre uns, daß der Südwind
manchmal aus Arabien oder Afrika
Samenkörner fremdartiger Pflanzen an
de» Gestaden des Mittelmeeres oder tief im
Binnenlande niederwehe, die sich alsdann
unter dem Einfluß unseres Klimas eigen-
artig entwickeln. Eine verwandte Erschei-
nung zeigen die Totentänze ans dem Gebiete
der Kulturgeschichte. Der arabische Dialog
zwischen Lebenden und Toten wurde
zufällig in Europa bekannt und gestaltete
sich zur Legende der drei Lebenden und
drei Toten. Aus ihrer bildlichen Wie-
dergabe wuchs nach mannigfaltigen Zwi-
schenstufen der sogenannte Totentanz
heraus.

Bei Künstle findet sich zugleich die
bisherige Literatur über die Totentanz-
Gemälde verzeichnet und kritisch gesichtet;
auch die französische nnd englische wird
eingehend berücksichtigt. Allein, warum
in die Ferne schweifen? auch in unserer
Nähe hat die Not des Sterbens in ähn-
lichen Tänzen den künstlerischen Ausdruck
gesunden.

Pfarrer Stützle erzählt in seiner Schrift:
„Die katholische Pfarrei Oberstdorf oder
die Schweiz im Kleinen", Kempten 1818,
auch von einem Totentanz-Gemälde, welches
sich auf einer Seitenmand der 14-Nothelser-
Kapelle daselbst befand. Durch den im
Jahre 1865 im Ort Oberstdorf vorgekom-
meneu großen Brandfall wurde mit dieser
14-Nothelfer-Kapelle leider auch dieser
1640 von Gabriel Neckher gemalte Toten-
tanz mit seinen 21 Bildern und Neimen
zerstört. Dieser Totentanz soll merkwürdige
Aehnlichkeiteu mit dem bereits obenerwähn-
ten berühmten Lübecker Totentanz aus dem
15. Jahrhundert aufgewiesen haben. Da
die noch erhaltenen Reime nicht ohne
literar- und kulturhistorisches sowie knnst-
geschichtliches Interesse lind, mögen einige
dem Stützleschen Buche über Oberstdorf
entnommene Strophen hier Erwähnung
finden:
loading ...