Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 72
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üciss-Lehre gemacht. Sauer zeigt in prächtige»,
mit Kopf und Herz geschriebenen Darlegungen am
Schlüsse, wie ganz verfehlt derartige Annahmen
sind.

Es ist nur ein Zeichen perverser Zeitströmungen,
wenn man auch Michelangelo sexueller Perver-
sität zu beschuldigen wagte. Man brauchte nur,
von allem andern abgesehen, an seine herrlichen
Gedanke» über die wahre Schönheit zu erinnern,
um das psychologisch schlechterdings unmöglich
zu finden:

„Die Schönheit ward als Vorbild mir auf Erden
Für meinen doppelten Beruf gescheuket,

Sie ist es, die zu jenem Ziel mich lenket,

Für das ich einzig meißeln mag und malen.

O törichter, vermessener Gedanke,

Die hohe Schönheit Sinnenlust zu schelte»!
Gesundem Sinne zeigt sie Himmelspfade;

Am Staube aber klebt der Blick, der kranke.

Ein reines Auge nur sieht jene Welten,

Die einzig uns erschließt der Strahl der Gnade."
So schreibt kein perverser Mensch! —
Professor Sauer hat sich, uw das ganze Werk
möglichst brauchbar zu machen, die große Mühe
genommen, ein über alle Bände sich erstreckendes
Gcsamtregister beizugebeu. — Man kann seine
Leistung nur mit höchster Befriedigung aus der
Hand legen.

Tübingen. Ludwig Baur.

Führer durch die alte Pinakothek
von Karl Voll. München (Süddeutsche
Monatsh.) 1908. — 271 S. Preis
ungeb. M. 3.50.

Ein Führer eigener Art! Kein bloßer Museums-
katalog — am ehesten ein Seitenstück zum be-
kannten Cicerone, wenn auch viel weitläufiger
und für ein größeres Publikum geschrieben. Der
Verfasser schlägt eine instruktive und fruchtbare
Methode ein, >vie sie sich ihm bei seinen kunst-
historischen Uebungen und Führungen durch die
alte Pinakothek ergeben hat. —

Demgemäß zählt er nicht alle Merke, die sich
in dieser großartigen Münchener Sammlung
befinde», auf. Mit Recht! Weitaus die meisten
haben nur für Spezialisten nnd besonders inter-
essierte Forscher ein weiteres Interesse. Voll
führt uns nur vor die interessantesten und
schönsten, zugleich kunstgeschichtlich bedeutsamsten
Bilder und zeigt uns mit feinem pädagogischen
Takt das wirkliche Leben, das tatsächliche Sein
des einzelnen Kunstwerkes unter Abweisung
aller bloß poetischen Paraphrasen. Es ist also
eine Art kunstgeschichtlicher und ästhetischer
Uebungen am einzelnen Bilde, ähnlich wie der-
selbe Verfasser sie in seinem von uns schon
früher besprochenen höchst instruktiven Werke
(Vergleichende Gemäldestudien. Vgl.„Archiv" 1908
Seite 87) weiteren Kreisen zugänglich gemacht
hat.

Wer die Pinakothek in München besuchen will,
kann nichts Besseres tun, als diese» Führer von
Voll zur Hand nehmen. Er wird den größte»
Gewinn daraus ziehen. Als gutes Orientierungs-
mittel dienen die beigegebenen Abbildungen (nach
Hanfstänglschen Originalaufnahnien). — Der

Standort der Bilder ist (nach Saal und Kabinett)
am Rande angegeben, so daß die Handhabung
eine durchaus angenehme ist. Sie wird zudem
durch ein Verzeichnis der besprochenen Bildet
sehr erleichtert. — Der Führer verdient die
wärmste Empfehlung und weiteste Verbreitung.
Tübingen. Prof. Or. Baur.

Gott und Welt. A l b r e ch t Dürer.
Randzeichnungen aus dem Gebetbuche des
Kaisers Maximilian. Mit der ausführ-
lichen Besprechung von I. W. v. Göthe.
Berlin (Fritz Heyder) 1909. 24 Seiten.
Eine Zusammenstellung der wertvollsten und
schönsten Dürerschen Randzeichnungen zum Gebet-
buche des Kaisers Maximilian vom Jahre 1514,
welche in guter Wiedergabe sonst nur mit un-
gewöhnlich hohen Kosten (bei Bruckmann) beschafft
werden können! Das Heft ist geeignet, eine Vor-
stellung von dem Erfindungsreichtum und der
zeichnerischen Fähigkeit Dürers zu vermitteln.

Der Herausgeber hat den Text der Götheschen
Besprechung der Bilder beigedruckt. Unseres Er-
achtens wäre es empfehlenswerter gewesen, den
Götheschen Text als Einleitung oder Anhang ab-
zudrucken, für die Randzeichnungen aber den je-
weils zu ihnen gehörigen Gebetbuchstext nuf-
zunehmen.

Tübingen. Ludwig Baur.

Naumann, Form und Farbe. Ein
Hausbuch der Kunst. Buchverlag der „Hilfe",
G. m. b. H. Berlin-Schöneberg 1909.
Preis M. 3.—.

Eine Sammlung von mehr als hundert künst-
lerischen Betrachtungen über Bilder und Bild-
werke älterer Meister, frommer Maler, Menschen-
gestalter, Landschaftskunst, über Malereiprobleme,
Bildhauerei, Baukunst und Kunstbildung. — Dieses
Buch darf auf das Interesse aller derer rechnen,
die Herz und Auge haben für die Kunst und ihre
Probleme. Hier schreibt ein Künstler des Stils,
dessen Sprache und Rhythmus sich an den Werken
der Schönheit belebt.

Hiezu eine Kunstbeilage:

I. W a»nenuiacher, Decken ge mälde.

Annoncen.

Zu verkaufen:

Kraus, Realenzyklopädie
der Christi. Altertümer,

gebd., tadellos, für Mk. 70.—■

Franz Bücher, Buchhandlung, Ellwangen a. J.

Stuttgart, Buchdruckerei der Stkt.-G-s. „Deutsches VollSblatt".
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