Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 79
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dem alten Gottesacker in der Nähe der
heutigen Garnisonkirche; sie genügte den
Bewohnern der allen, zu grosser Macht
und Blüte gelangten Reichsstadt weder
nach ihrer Lage noch Größe. Inmitten
der damaligen Altstadt sollte ein nenes
Gotteshaus erstehen, das auch äußerlich
ein Abbild des hohen Bürgersinns und
frommen Christensinns seiner Bewohner
werden sollte. Wenn Pfleiverer die etwas
einfachen und nüchternen Formen des
Baues ans einem „k ü h neu P r o t e st a -
t i o n s g e d a n k e n gegenüber kirch-
lichen Machtansprüchen" ent-
springen läßt, ja in denselben geradezu
etwas „prophetisch Protestantisches"
sieht, so hat der Herr Verfasser den alten
Ulmern etwas unterschoben, was ihnen
sicherlich fremd war. — Die alten Hinter
von 1377 als protestantische Propheten!
Der Gedanke ist mindestens höchst originell,
um nicht zu sagen erheiternd! — Die
einfachen Forme», das Fehlen eines Qner-
schiffes usw. erklären sich ganz ungezwungen
aus der Tatsache, daß die alten Himer
keine bischöfliche Kathedrale, sondern eine
Pfarrkirche bauten. Auch vollzog sich die
Gründung und der Ban des Münsters
in völliger Eintracht mit der kirchlichen
Oberbehörde und dem Kloster Reichenau.
Daß gar noch der Geist Arnolds von
Brescia am Himer Münster spürbar sein
soll, vermögen wir schlechterdings nicht zu
finden. Mit solchen „Philosophnmena"
und Geisterzitationen sollte man doch die
Kunstgeschichte nicht bereichern!

Ans der Baugeschichte des Münsters
sei die interessante Tatsache angeführt,
daß die Architekteufamilie Parier von
Gmünd in mehreren Gliedern schon in
der allerersten Zeit am Münsterban be-
teiligt war.

Was mau früher bloß vermittele, ist durch
den.. Fund eines Denksteins im Frühjahr
1898 zu zweifelloser Gewißheit geworden.
Der Stein zeigt ein großes Kreuz, daneben
zwei Steinmetzhämmer und darunter den
gebrochenen Winkelhaken, das ans dem
P r a g e r Dom bekannte M e i st e r z e i ch e n
der Familie Parler ans Gmünd (Parier
von bajulu3, Hntermerkmeister). Die drei
Baumeister ans diesem Geschlechte sind:
Heinrich der Vater, und seine zwei Söhne
Michel und Heinrich der Jüngere, der

..Behau' (Böhme). Ihre Tätigkeit erstreckte
sich von 1377—1391.

Am Montag nach St. Veit (17. Juni)
1392 wird Ulrich von Ensingen
vom Rat ans fünf Jahre als Kirchen-
meister angestellt. Zwischenhinein ist er
aber auch in Mailand, Straßbnrg und
Eßlingen (Frauenkirche) tätig. Unter ihm
wurde die Hallenanlage verlassen und die
basilikale Anlage mit Heberhöhung des
Mittelschiffs in den Plan ausgenommen.
Die Gründe waren allem nach statischer
Natur. Auch die Anlage des Westtnrms
dürfte Ulrich zuziiweisen sei», wie der
analog ansgeführte Ban der Eßlinger
Frauenkirche beweist. Hilter Ulrichs Leitung
wurden die Skulplnren der Portale von
der alten Pfarrkirche in die neuen Kirchen-
portale übertragen. Das Süvwestporlal
am Münster bietet uns das reich ans-
gestattete Hauptportal der alten Pfarrkirche
vor den Toren mit seiner erdrückende»
Fülle bildlicher Darstellungen. Als Ulrichs
Werk dürfen wir endlich noch ansügen die
Besseretkapelle, deren Chor ein wahres
Kabinettstück der gotischen Bankiiiist ge-
nannt werden muß. Im Jahre 1405
weihte der Bischof von Konstanz das
Münster ein und es konnte im vorderen
Teil des Schiffes bereits Gottesdienst ge-
halten werden. Im Februar 1419 starb
Ulrich von Ensingen in Straßburg; sein
Nachfolger war sein Schwiegersohn, Hans
Rn», ans diesen folgte dessen Sohn Kaspar
Kim. Die Kirchenmeister Matthäus En-
singer und Moritz Ensinger in den Jahren
1450—1474 waren Sohn und Enkel
Ulrichs von Ensingen. Es war somit die
obeiste Leitung des Baues fast ein Jahr-
hundert lang in den Händen einer Familie.
Dabei waren die Glieder der Familie
Ensinger in einer Reihe süddeutscher Städte
an Kirchenbanteii tätig, so an der Georgen-
kirche in Nördlingen, an der Liebfrauen-
kirche in München.

Hitler Hans Kiin wurde der Hauptturm
um ein gut Stück weitergeführt; unter
Kaspar Knns Leitung erfolgte die Voll-
endung der Neithart-Kapelle im Anschluß
an das nördliche Seitenschiff.

Hüter den Meistern Matthäus und
Moritz Ensinger erfolgte die Eiiiwölbnng
des Münsters. Begonnen wurde mit dem
Chor im Jahre 1449, dann folgte die
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