Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 82
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sich kein gebildeter, fchönheitsbedürfliger
Mensch bei seinen täglichen Gebrauchs-
gegenständen und in seiner privaten Um-
gebung gefallen lassen würde". Es scheint
ihm fast, „als ob man in grellen Effekten
der Farbe und der Zeichnung ein Charak-
teristikum der „Kirchlichkeit" erblicke —
und das in einer Zeit, wo gerade aus
dem Gebiete der profanen Handarbeiten
ein so auserlesen künstlerischer Geschmack
immer mehr sich geltend macht". So
kommt er dazu, die Paramentik das
Stiefkind des heutigen Knnstgewerbes zu
nennen, eine betrübende Erscheinung an-
gesichts der großen Bedeutung, die den
liturgischen Gewändern zukommt.

„Arg vernachlässigt," so urteilt der be-
kannte Bildhauer und Kunstschriftsteller
AlexanderHeilmer,er inMünchen M,
„ist bekanntlich die kirchliche Paramentik.
Was davon iit neuerer Zeit in Gebrauch
ist, erhebt sich größtenteils nicht über
Fabrikarbeit. Die mit schreiend bunten
Anilinfarben gefärbten und mit konven-
tionellen Ornamenten bestickten Gewänder
sind weit entfernt von der geschmackvollen
Einheit, die sich in früheren Jahrhunderten
von der Architektur bis auf die Kirchen-
geräte und -Gewänder erstreckte." Die
belgische Kunstzeitschrift „Bulletin des
Metiers d’art" 8 (1909) p. 156 2) kon-
statiert einen Niedergang der religiösen
Kunst, ohne daß man sich die Mühe gäbe,
die zur Gesundung nötigen Heilmittel zu
suchen und anzuwenden. Ans dem letzt-
jährigen Katholikentage in Düsseldorf 1908
warf Prof. Meyers von Luxemburg
den deutschen Katholiken zu große Selbst-
zufriedenheit im religiösen Kunstschaffen
vor und will sie zu einem „men culpa"
veranlassen. Angesichts der Düsseldorfer
christlichen Kunstausstellung 1907 redet
Prof. Schmidt-Aachen von einer Not
der kirchlichen Kunst. Es sei, als ob
vielfach das Leben aus der heutigen kirch-
lichen Kunst gewichen wäre. Der Geist
habe sich verflüchtigt, das Schema sei
geblieben. Ein mühseliges Nachahmen
alter Verfahren, ein strenges Kopieren
der überlieferten Formen mache sich breit.

*) Die kirchliche Kunst auf der Ausstellung
München 1908. „Die christl. Kunst" 6 (1909), 200.
2) Zitiert im Pionier 1 (1909), 49.

Man rühme die stilgerechte Echtheit, die
wissenschaftlich genaue, streng historische
Ausführung. Als ob das ein Ersatz
wäre für warmes Empfinden, für frisches,
eigenartiges Schaffen. Keine Propheten-
gabe gehöre dazu, um den Zusammen-
bruch dieses Systems vorherzusagen ’).

Am weitesten geht Frau H e t e n e
Stummel von Kevelaer in der Vernr-
teilung eines guten Teiles des heutigen
Paralnentik-Betriebes. In Aufsätzen2),
in einer eigenen Schrift (Die Parainenlit
vom Standpunkte des Geschmackes und
Kunstsinnes. Kevelaer, Thum 1905, Preis
M. 1.50) und in Wandervorträgen inner-
halb und außerhalb des Deutschen Reiches
predigt sie die Notlage der Paramenteu-
kuust: als Stiefkind der Zeit vernachlässigt,
von der Kunst gering angesehen, in
bedauernswerter. Verfassung danieder-
liegend 3). Ein Vergleich der kirchlichen
Gewandstücke eines .Parainenlengeschäfts
mit profanen modernen Handarbeiten falle
sehr zu ungunsteu der ersteren ans: dort
feinste Farbe, Geschmack, Zeichnung, hier
verleugnen sich einmütig Farbensinn wie
Geschmack - die Farben seien geradezu be-
leidigend itnd häßlich für die Kirche4). Die
Verfasserin steht nicht an, die heutige Me-
thode des. Paramentenschaffens einer be-
rechtigten Verurteilung zu überantworten.

Diese herben Urteile eignet sich P.
Lukas Knackfuß aus dem Domini-
kanerorden an, indem er n. a. im Hin-
blick auf die Paramentik von einer klaf-
fenden Wunde, unseres Kunftgewerbes
redet ^).

Es ist heute nicht.unsere Aufgabe, die
Berechtigung oder Nichtberechtigung der
angeführten Klagen zu untersuchen, den
Gründen nachzuspüren, die zu diesen
desolaten Verhältnissen geführt haben.
Wie immer bei solchen summarischen An-'
klagen wird manche Uebertreibung unter-
laufen seinz sie werden aber auch ein
gutes Korn Wahrheit enthalten. Ans dem
weiten Gebiet der Paramentenknnst sollen

0 „Kölnische Volkszoitung" Nr. 783 u. 10. IX:
1907 u. Nr. 836 vom 27. IX, 1907.

0 Pastor bonus, 1904/05, H. 1 ü. 2.

H. Siummel, Die Paramentik vom Ttand-
punkt des Geschmacks,.p. 17.

4) I. c. p. 21.

6) „Kölnische Volkszeitung" Nr. 867 v. 19. X.
1905.
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