Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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von Legenden, die meistens jeden histo- |
rischen Kerns entbehren. Nur als Doku- I
mente zeitgeschichtliche», religiösen. Empfin-
dens können sie heule gelten, ihre Wurzeln
liegen in nie völlig ansgestorbenen An-
schauungen römischen oder germanischen
Paganismus, in einem heute allgemein
zngestandenen Kompromiß zwischen Heiden-
tum und Christentum 1).i So finden sich
auch in den verschiedenen, nach Ort, Zeit
rmd Kulturstufe wechselnden Legenden von
blutenden Bildern gemeinsame Züge, die
sich zurückführen lassen auf einen Typus-,
der in heidnischen wie in christlichen Vor-
stellnngskreisen sich als mächtiger,Legenden
schaffender. Faktor erweist.

Es ist der völkerpsychologische TypuS
der Beseelung oder Belebung, Einpsy-
chose und Ensomatose lebloser Knnst-
produkte, ein Hauptmotiv der. erbaulichen
Erzählungen des Mittelalters, sowie die
Bedeutung des Blutes als Sinnbild
des Lebens und der Seele im Glauben
und Aberglauben der gesamten Mensch-
heit (3. Mos. 17, 14; -Bl Mos. 12, 23)?)
Was ans eigenen und sremden Arbeits-
gebieten gelegentlich an zerstreuten Notizen
zur Aufhellung unseres Legendentypus ge-
sucht und gesunden würde, wird an anderem
Ort derzeit publiziert werden. Hier weisen
iuir nur allgemein auf die mancherlei Legen-
den aus Orient wie Okzident hin, die von
Statuen und Gemälden zu berichten wissen,
welche Tränen, Schweiß oder Blu 1
vergießen wie belebte Wesens. Zahl-
reich sind die Wallfahrtsorte auf weiter
.Welt, au denen solche wundertätige Bilder
verehrt werden. Aus Aegidius Müllers
„HeiligesDeutschland" oder dem „dNariani-
schen Festkalender " ließen sich Dutzende und
Aberdutzende znsamnienstellen, und nicht
weniger bildet der Gegenstand einen be-

') lieber heidnische Kunstvorstellungen iin alt-
christlichen Bilderkreis, s. Kraus, Realenzyklo-
pndie der christlichcn Altertümer II, S. 46‘J f. ;
Piper, Mythologie der christlichen Kunst 1847.

2) 2)er Berliner Theologieprofessor Hermann
Strack hat mit Angabe massenhafter Literatur
eiit Büchlein darüber geschrieben: „Das Blut
im Glauben und Aberglauben der Menschheit",

5. Aust., München 1900. Indes geht Strack auf
den Biutaberglauben in seiner Einwirknng auf die
Kunst leider nicht näher ein.

'■') Vgl. auch Birlingers Sammlung von
Sagen, Legenden, -Volksaberglauben aus Schwaben
I. 1874, S. 59, 64, 79, 431 ff.

liebten Stoff mittelalterlicher Erzählnngs-
literatur. Doch tragen; sie alle fast ein
gemeinsames Gepräge, selbst in den
kleineren Umständen, und weisen so auf
deu eiueu Typus hin. Vornehmlich sind
es K r u z i f i xb i l d e r, die nach der Legende
und WaUfahrtsgeschichte bluten; indes
zahlreich auch Mutiergottesbilder, die auf
tätliche Mißhandlung also reagieren. Endlich
fand auf zerstreuten Wegen unser Legenden-
motiv seine Anwendung auch auf Hei-
ligenbilder, namentlich in der ost-
römischen, byzantinischen Kirche; so geht die
Sage von einem Bild des hl. Theodoras und
einer Georgiossänle. Es erstreckt sich ferner
auf Hostien und Medaillen, ja sogar auf
Wolken, die: nach einer gotteslästerlichen
Drohung mit dem Dolch das in der Schweiz
lang verehrte Blut ansgeströmt haben
sollen. Der gelehrte Verfasser der Legen-
denstnhien, Heinrich Günter, hat bei
seinem sonst so reichen Material gerade die-
sen weit verbreiteten, Legenden schaffenden
Zug von den blutenden Bildern sich leider
ganz entgehen lassen. Von den Marien-
bildern sollen hier außer den Reensern
Madonnenbildern nur die drei Bilder
genannt und beschrieben werden, die noch
heute teils für die praktische Devotion,
teils für die heimatliche Orts- rmd Kunst-
geschichte von besonderer Bedeutung sind.

(Fortsetzung folgt.)

Joseph Wannenmacher, llNaler.

Nachträge und Beurteilung.

Von N. Weser, Kaplan in Gmünd.

(Vgl. „Archiv f. christl. Kunst" 1907, Nr. 7 -12.)

' (Fortsetzung.)

VI.

Wie über die Jugendlätigkcit Wannen-
machers, so haben wir auch über seine
letzten Lebensschicksale einen wichtigen
Nachtrag zu machen. Wie ich in unserm
„Archiv" 1Z07, S. 78 ff. berichtet habe,
war Wannenmacher in Gmünd die Aus-
malung der Franziskanerkirche übertragen
worden. Herr Psarrverweser Th. Selig
hat mir unterdessen Auszüge aus dem
von ihm in Saulgau gefundenen Gmünder
Franziskanerprotokoll übersandt, die unfern
Maler und seine Tätigkeit betreffen. Unter
dem Guardian Florian Geiger (1750— 50)
kam Wannenmacher am 30. Mai 1752
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