Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 98
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habt zu haben; besonders die dunklen
Farben sind sehr oft grau und stuinpf
geworden, so sehr, daß durch diesen
Mangel manche Figuren fast verschwanden
und die Deutlichkeit des BildeS schwer be-
einträchtigt war. Doch hat mau hier
durch wiederholte Tränkungen einen sehr
guten Erfolg erzielt, so daß die Farben
wieder hell und frisch zum Vorschein
kamen.

Wir habeil in Gmünd Werke unseres
Meisters aus zwei Perioden, aus der
ersten und letzten Schaffenszeit seines
Lebens, und diese zeigen in der Farben-
gebung einen in die Augen springenden
Unterschied. Die Bilder in der Franzis-
kanerkirche und tu der St. Katharinen-
kapelle und in dem scholl genannten Pri-
valhaus haben alle ein etwas dumpfes
und mattes Kolorit, das nicht allein ans
Rechnilng des Alters der Gemälde oder
der Einwirkungen der Atmosphäre zu
setzen ist, sondern das eine gewisse Vor-
liebe des Künstlers für diese Farben zeigt.
Diese Vorliebe ist aber nicht ausschließ-
lich. Denn zu derselbeil Zeit malte
Wannenmacher in Talsingen bei Ulm in
Hellen und warmen Farben das Marly-
rinm des hl. Laurentius, in welcher er
sich in Giuünd in den dumpfen Farben
gefiel. Diese Vorliebe für letztere scheint
immer wieder bei ihm zum Durchbruch
gekommen zu sein. Es wird selten sein,
daß man bei Wannenmacher auf ein leuch-
tendes scharfes Rot trifft, oder daß ein
tiefes Blait oder sattes Grün unser Auge
gefangen nimmt. Immer scheint es, als
ob er mit Absicht seine Töne gedämpft,
das Feuer zurückgehalten habe. Erst in
späteren Jahren hat er wohl ein schärferes
und feurigeres Kolvtit angestrebt, wie ivir
in St. Leonhard-Gmünd sehen, ohne daß
er sich jedoch entschließen konnte, in den
Bahnen anderer Maler seiner Zeit zu
wandeln, die sich gerade in scharfen und
grellen Farbenkontrasten ausgezeichnet
haben.

Wannenmacher hat sich im Kolorit wie
in Konzeption und Zeichnung seine Eigen-
tümlichkeit stets bewahrt und gerade wegen
dieser seiner Eigenartigkeit ist er wert, als
Künstler für sich betrachtet zu werden. Es
wäre mir angenehm, wenn durch diese
Studie über einen unserer einheimischen.

vaterländischen Künstler eine Anregung
gegeben worden wäre, seinen Werken noch
mehr nachzuspüren, als es mir möglich
war. Vielleicht könnten noch manche
schätzenswerte Beiträge gefunden werden
zu einem umfassenderen und eingehenderen
Lebens- und Schaffensbild des Malers
Joseph Wannenmacher.

Für freundliche Unterstützung in meinen
Forschungen über den Künstler danke ich
berzlich den hochw. H. Sliftsbibliothekar
Dr. Fäh-St. Gallen, dem eifrigen Fran-
ziskusforscher Prof. Dr. Gassenmeyr-
Atlingen, Pros. Du. Schröter-Dillingen,
Pfarrer A. Ninderle-Talfingen, Pfarrer
Niethammer, s. Z. in Kcharenstelten,
Pfarrverweser E. Köhler, s. Z. iu Tomer-
dingen und Pfarrverweser Th. Selig,
s. Z. in Seekirch.

lieber blutende IHabonnenbilber.

(Nachträge zuGagenrs„Maria vom Blute".)

Von Dr. A. ©Iaöel£, Wetten.

(Fortsetzung.)

I.

An die Spitze stellen wir als ältestes,
Kult und Kunst vereint repräsentierendes
Bild eine „Madonna vom Blute" ans
Italien. Daß die Vorstellung von
blutende» Bildern wie schon im frühen
Mittelalter, auch im R e n a i s saure-
zeil alter die Geister beherrschte, beweist
die Erzählung von der Madonna des
Duce io di Buoninsegna, des ersten
großen Maleis der Sieneser Schule, von
dessen berühmtem Altarbild eines der
Sockelbilder, die Geburt Christi, ins
Berliner Museum kam. Als die Sienesen
1357~iuif dem Marktplatz ihrer Stadt
eine Statue der Venns von Lysipp anf-
slcllten, habe man Blutstropfen an Ducctos
Madonna bemerkt, eizählt Ghiberli *).
Sicherlich ist die Erzählung nur eine der
mannigfaltigen Symboltsierungen,dieKunst
nndDichlung, Sage und Geschichte für den
gewaltigen Ringkampf jener Tage ge-
schaffen haben, das Ringen zwischen An-
tike und Christentum, zwischen dem wie-
dererstandenen Kult der Sinnenfreude
itnd der tausendjährigen christlichen Aszefe,
zwischen den nenerivecklen, heiteren, blu-

*) Vgl. Muther, Die Renaissance der Antike,
S. 49.
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