Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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menbekräuzten Götter» Griechenlands und
dem ernsten, blutenden Gottesbild des
Christentums in jenem an Gegensätzen so
reichen Trecento und Quattrocento.

II.

Auf deutschen Boden führt uns
das H e i m b a ch e r Wunderbild. Ein welt-
abgeschiedenes Eifeldorf, daS in neuester
Zeit durch die Nähe der Niesentalfperre
der Urft, eines Nebenflusses der Ruhr,
bekannter geworden ist, rühmt sich eben-
falls einer so seltenen „Madonna vom
Blute". Am Fuße des Kermeter, eines
mächtigen Bergrückens der nördlichen Eifel,
liegt Heimba ch, überragt von den Ruinen
des einstigen Stammschlosses der Grafen
von Jülich, Burg Hengebach. Die Pfarr-
kirche des von der Ruhr bespülten Dorfes
birgt außer einem wertvollen alten, in
Holz geschnitzten Altar mit Flügeltüren,
wahrscheinlich gemalt von Hans v. Kalkar,
ein Gnadenbild der Mnttergottes, zu dem
heute noch Tausende von Pilgern aus
nah und fern wallfahren. Das Bild stellt
die schmerzhafte Muttergottes mit ihrem
göttlichen Sohne auf dem Schoß dar. Die
Arbeit eines ehrsamen Meisters aus dem
15. Jahrh-, die vielleicht, wie die Legende
andeutet, aus Köln stammt, ist im Ver-
hältnis zu den Schnitzereien des Guaden-
bildaltares einfach und wenig kunstvoll,
doch bringt sie Mutterliebe und Mutter-
schmerz ergreifend zum Ausdruck. Jedoch
erst in den Stürmen der Revolution am
Ende des 18. Jahrhunderts kam das
Bild an die Stätte, an der es heute ver-
ehrt wird. Wo heute das 1860 als
Filiale vouOeleuberg im Elsaß gegründete,
nach bem Kulturkampf 1887 wieder er-
öffnte Trappistenkloster')sich erhebt, stand
seit unvordenklichen Zeiten die Zister-
z i e n s e r a b t e i Ar a r i a w a l d. Nach der
Legende verdankt diese ihre Entstehung
unserem Gnadeubilde und dessen wunder-
barer Geschichte.

Ein armer Fischer, Bürger aus Heim-
bach, habe das in Holz geschnitzte Bild
in einem Bilderladeu zu Köln gekauft
und au einem Baum auf dem Kermeter

1) Vgl. die Beschreibung in, Hausschatz 28
(1902) S. 491 ff., die, abgesehen van einige»
Unrichtigkeiten, keine Angaben über Form und
Darstellung des Bildes gibt.

aufgestellt. Der fromme Mann, der täg-
lich vor dem Bilde seine Andacht ver-
richtete, zog bald den Segen des Himmels
auf seine Arbeit herab. Darob ward
sein Bruder neidig; wie er ihn eines
Tags beim Gebet überraschte, beschimpfte
und mißhandelte er den Bruder und ver-
letzte dabei auch das Bild, dem er mit
einem Dornzweig ins Gesicht schlug. Da
rannen von der Wange des Bildes plötzlich
Blutstropfen ohne Aufhören. Durch das
Wunder erschüttert, floh der Missetäter
voll Augst und Reue. Auf die Kunde
von dieser wunderbaren Begebenheit be-
gannen die Gläubigen aus der Umgebung
das Bild der schmerzhaften Mutter zu
verehren und Heilungen von Kranken ver-
breiteten den Ruf immer weiter. Bald
entstand durch die Bemühungen des Pfar-
rers von Heimbach 1477 eine Kapelle
an dem Ort und 1480 erhob sich daselbst
das Zisterzienserklosler Mariawald, das
infolge reicher Stiftungen bald zu hoher
Blüte gelangte. Nach seinem allmählichen
Verfall und seiner cudlicheu Aufhebung
kam das Bild in die Pfarrkirche.

Auffallenderweise fehlt in der Haupt-
urkunde über das Gnadenbild von der
Hand eines Zeitgenossen der ersten Ereig-
nisse jener Zug von der tätlichen Ver-
letzung des Bildes und dessen Bluten.
Der Landvogt von Nideggeu, Michael
Rademächer aus Heimbach, verfaßte 1523
im Namen einer Kommission zur Unter-
suchung über die umlaufenden Gerede
von Wunderzeichen im Alter von 62 Jah-
ren eine in Kopie') noch vorhandene Ur-
kunde über die Ereignisse, die er nach
seiner Angabe als Knabe von 9—10
Jahren miterlebt haben will. Danach
waren von ihm und anderen genannten
Zeugen nur Tränen auf den Wangen
der Madonna gesehen worden. Die Epi-
sode mit dem Bruder des armen Hein-
richs des „Fluitters" (— Flötenspieler),
Strohdeckers und Fischers im Neben-
amt beruht nach der neuesten Wall-
fahrtsbeschreibung von Heinrich Pützch
„auf fortlaufender Ueberlieferung; Rade-

') Jin Eingang des Brnderschaftsmitglieder-
verzeichnisses in der Pfarr-Negistratnr seit 1730.

2) Essen 1904, S. 29 A. 1; ich verdanke
diese ver Güte des Herrn Pfarrers Dr. Breiden-
best von Heimbach.
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