Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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inächer übergeht als Zeitgenosse der Er-
eignisse ans Schonung die Beschreibung
dieses näheren Anlasses der allgemeinen
Verehrung des Bildes" — freilich eine
psychologisch wie historisch schwer zu recht-
fertigende MotivierungI1) Nach einem
Wallfahrtsbüchlein aus dem Jahre 1854
war „der Schrammen noch aus des Bildes
rechter Wange wahrzunehmen". Heute
ist davon kaum mehr etwas zu bemerken,
da das Bild um jene Zeit neu polychro-
miert wurde — wohl ohne viel Rücksicht ans
die Blutlegende! Umsomehr stimmen wir
einer anderen Begründung der Heimbacher
Wallfahrt zu, wenn der Verfasser des
neuen Wallfahrtsjnbiläumsfchriftchens^)
schreibt: „Hier ist eine jener Stätten, wo
sich gut beten läßt. Das gläubige Volk
sieht weniger darauf, ob ein solches Bild
ein Meisterwerk der Kunst ist; ihm genügt
die Ueberliefernng, der zufolge das
Heimbacher Gnadenbild jahrhundertelang
das Ziel frommer Andacht und inniger
Marienverehrung geniesen ist. Was die
Zahl glänzender, urkundlich bezeugter
Wunder und die Menge der hindrangen-
den Pilger anlangt, so nimmt Heiinbaeh
unter den vielen Wallfahrtsorten Mariens
einen bescheidenen Platz ein. Aber auf
dern Heimbacher Gnadenbilde ruht eine
mit den Geschicken des Ortes und der
weiten Umgegend vielfach verknüpfte Ge-
schichte von fast einem halben Jahr-
tausend. Das Heimbacher Gnadcnbild
hat einem altberühmlen, heilte noch
blühenden Kloster Entstehung und Namen
gegeben, es hat die Kunst um naiuhafle
Schöpfungen bereichert, es hat die Gläu-
bigen der Vordereifel und des nahen
Niederlandes über 400 Jahre zu sich hin-
pilgern und zu seinen Füßen von der
Schmerzensreichen Trost und Hilfe er-
flehen sehen für die Kümmernisse des
Leibes und der Seele." (Forts, folgt.)

') Darum hat wohl auch nicht unabsichtlich
Aeg. Müller in feinem Hl. Deutschland I S. 32 ff.
diesen Zug, obwohl sonst nicht kargend mit „From-
inen Legenden", weggelassen.

2) a. a. O. S. 50. Bemerkenswert sind auch
die Worte, mit denen der Abschnitt über die
älteste Wallfahrtsgeschichte (S. 28) eingeleitet
wird: „Wie eine schöne Legende aus frommer
Vorzeit klingt es, was die Geschichte über den
Ursprung und die erste Verehrung des Heim-
bacher Gnadenbildes berichtet."

Literatur.

Einfühxung in die Aesthctik der

Gegenwart von Or. E. Menmann.

Leipzig (Quelle u. Meyer) 1908. VII

u. 151 S. — Preis ungeb. 1 M.; geb.

1 M. 25 Pf.

Der Psychologe Menmann — in der Schule
Wilhelm Wundts herangebildet — gibt uns in
dem vorliegenden Büchlein eine kurze, aber wohl
substantiierte Einführung in die ästhetischen Rich-
tungen der Gegenwart. Unter dem. Einfluß des
Materialismus und des Positivismus war das
Interesse für theoretische Aesthetik erstickt. Erst
in neuerer Zeit, mit bem deutlich wahrnehm-
baren Zuge zur Spekulation und zum Idealismus
I ist auch das Interesse an ästhetischen Fragen
wieder ein intensiveres geivorden, ja, es möchte
wohl die Furcht vor einem Rückschlag ins Gegen-
teil, in eine allzusehr ästhetisierende Strömung
nicht ganz unberechtigt sein. Aesthetik oder min-
destens sich den Anschein des Interesses an
Aesthetik zu geben, gehört heute sozusagen zur
Mode, die selbst dem Kinde eine „ästhetische
Kultur" vermitteln will. Bei dieser Sachlage
ist es notwendig, sich über die allgemein-philo-
sophischen Grundlagen des Schönen zu orientieren.
Meumann will mit seinem Büchlein diesem Be-
dürfnis entgegenkomnren. Der Schwerpunkt
liegt bei ihm auf der psychologischen Seite.
Eine weiter grabende metaphysische Fundierung
wird nicht versucht.

Ein historischer Ueberblick bildet die Einleitung.
Dabei hätten aber M. Deutinger und E. v. Hart-
mann unbedingt genannt werden müssen, selbst
wenn der Verfasser ans kleinere Werke wie Stöckl,
Jungmann, Gietaiann, Jos. Müller, Kirstein u. n
verzichten wollte.

Als den Begründer der neuzeitlichen empiri-
schen Aesthetik behandelt Meumann G. Th.
Fechner. Es werden zwei Hauptgegensätze unter-
schieden: die normative und deskriptive
Aesthetik, wozu dann noch der Gegensatz der
subjektiven psychologischen und der objek-
tiven Aesthetik tritt. — Zu den glücklichsten
Partien dos Büchleins scheinen beut Res. die
Abschnitte über die Psychologie des ästhetischen
Gefallens und die Psychologie des künstlerischen
Schaffens zu gehören. Auch die kritischen Aus-
führungen darin sind noch besonders herauszu-
heben: die ablehnende Beurteilung von Langes
Theorie von der bewußten Selbsttäuschung alS
Kern des ästhetischen Genießens, vom ästhetischen
Gattungsinstinkt als Bedürfnis der Menschen
nach Illusion, von der Kunst als der Fähigkeit,
sich, "ad andern eine aus Illusion beruhende
Lust zu bereiten, bei welcher jeder andere Zweck
als der des Vergnügens ausgeschlossen ist —
scheint dem Res. treffend und durchschlagend.

Das Büchlein mag zur kurzen und — für die
psychologische Seite der Aesthetik — durchaus
fachmännischen Orientierung ein wertvoller Führer
sei». Der Preis ist außerordentlich billig.
Tübingen. Ludwig Baur.

Hiezu eine K u n st b e i l a g e:

„P a r a m e n t i k - A r b e i t e n."

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Bolkäblatt".
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