Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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tiger Anrufung der Himmelskönigin Maria
in dieser hl. Bildnis geschehen" schließt
die kurze Beschreibung des Wallfahrts-
bildes, dessen Original nach gütiger Mit-
teilung des Pfarrherrn Pirnleithner in
Altersee „durchaus nicht so schön ist, als
es in der daselbst gebotenen Abbildung
dargestellt wird". Am Hals der Madonna
und an der Stirne des Jesuskindes zeigen
Kopie wie Original den roten Streifen
noch, dessen Ursprung in Bild und Legende
eine widersprechende Erklärung finden.

Das Bild der Atterseer Wallfahrts-
kirche nämlich, die zur Hauptpfarrei Sankt
Georgen in der hochgräflich Chevenhiller-
schen Herrschaft Kogel gehört, trägt eine
lateinische Inschrift unterhalb der Dar-
stellung, deren historisch-kritische Exegese
den Schlüssel zur Lösung so mancher ikono-
graphischer Rätsel bieten mag:

Haec imago loco asseris affixa
stabulo gallinarum, in vigilia ss.
Trinitatis ex mandato deponenda,
ab inimico ß. V. M. securi medium
dissecta, uti rubra linea ostendit.
Nunc exhibita est palam 1652,
15. Augusti.

Das Prius liegt jedenfalls eher bei der
Inschrift als bei der Legende, die jene
urkundlich und ursprünglich gegebenen
Züge ausgestaltete und vermehrte und zu
Widersprüchen zwischen Schrift und Wort
führte. Die „rubra linea" hat der schaffen-
den Einbildungststaft der Volksseele, deren
Gestaltungsgabe gerade au Wallfahrls-
bilderu sich besonders mächtig und frucht-
bar erwiesen hat, weitesten Spielraum
gelassen ch.

IV.

Maria vonr Blute in Neukirchen
und Schrezheim.

Das besondere Interesse der Leser unserer
Zeitschrift wird das folgende Bild, und
zwar dessen Kopie noch mehr als das Ori-
ginal, in Anspruch nehmen sowohl wegen
der Eigenart der Darstellung und des
Stoffes, als auch wegen des Standortes
des Kleinkunstwerkes. Es ist meines Wis-
sens der einzige statuarische Vertreter des
Motivs vom blutenden Madounenbild, der

') In G. Kolb, 8. J., Marianisches Ober-
österreich, Linz, Haslinger, ift. das Atterseer
Marienbild beschrieben und abgebildet.

in einer Kirche unseres Landes sich findet.
Im Besitze dieses seltenen Schatzes ist
die Kapelle zu Schrezheim, die
Buxsche (Buchssche) Freundschafts-
klapelle^s. Dieselbe wurde unter dem
Ellwanger Fürstpropst Ludwig Anton, dem
Sohn des Pfalzgrafen vom Rhein, Kur-
fürsten Philipp Wilhelm, im Jahre 1692
von dem Besitzer der Schrezheimer Ziegeleß
Friedrich Ziegler, erbaut und später dem
bl. Antonius von Padua und der hl. Bar-
bara geweiht. Letzterer Bild ward im
äußeren Giebelfeld später angebracht. Eine
Reliquie des Patrons wurde direkt von
Padua 1757 zugesandt. Außer klassizistisch
gehaltenen Freskogemälden an den Pla-
.fonds und vier Oelgemälden von Joseph
Wintergerste birgt die Kapelle ein goti-
sches Relief auf Goldgrund, St. Sebastian.
Ihr eigentliches Kleinod aber bildet ein
kleiner F a y e n c e a l t a r in zierlichem
Rokoko im Stil Ludwigs XIV. Die
andern Schmuckstücke dieses mäßig hohen
Aufsatzes, wie Engelsfigürchen, Basen,
Leuchter, sind auch in Württembergs
„Kirchlichen Kunstaltertümern"8J beachtet
und beschrieben worden, nicht aber dessen
Hauptgegenstand, dessen Darstellung nach
Idee und Ursprung in eigenartiger Weise
Kunst und Legende verkörpert: ein Ma-
dounenbild mit einem Säbel im Kopf,
von hinten nach vorn gesteckt.

Zunächst fällt das M a t e r i a l des
Bildes und des ganzen Rokokoaltärchens
auf. Kirchliche Kuustgegenstände in Fayence
sind eine Seltenheit. Doch ist sicher, wie
schon Kepplers Jnventarmerk angibt und
auch neuestens Kurtz in dem unten auzufüh-
renden Aufsatz als kaum zweifelhaft hin-
stellt, daß der Fayencealtar Schrezheimer
Arbeit ist. Das Dörfchen bei Ellwangen
hatte nämlich bis zum Jahre 1872*) eine
Porzellanfabrik, zu deren Errichtung Fürst -
propst Franz Georg im Jah.e 1752 einen
Freiheilsbrief mit Privilegien und Mouo-

si Im Sinne von Kapelle der Bnxfcheu Ver-
wandtschaft, von der die Kapelle mit reichen
Mitteln ausgestattet worden ist.

2) Geboren 1784 zu Wallerstein, gestorben
1867 als Galeriedirettor in Düsseldorf; seine
Familie war eine Zeitlang im Besitz der Schrez-
heimer Fapencefnbrik.

3) S. 90,

*) 15. Februar 1872 abgebrannt, dann Mine-
ralbad.
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