Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

Seite: 107
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verpönt», um das Ziel einer reinen Sach-
kunst, echter Solidität zu erstreben und
zu erreichen. Es liegt in der Bewegung
etwas Berechtigtes: der Schmuck, der sehr
in das Auge sticht, birgt die Gefahr in
sich, daß man die Forderung nach einem
soliden Material übersieht und das Kon-
struktive, Zweckmäßige und Solide über
der gleißenden Verzierung vergißt. In
diesem Sinne möchte auch ich der rei-
nen Sachkunst in der Paramentik das
Wort reden gegenüber einer unsoliden
Blumen- und Raukenanhäufung auf schlech-
tem Stoff. Als eine Schule der Er-
ziehung zum Besseren möchte ich die reine
Sachkunst Konsumenten und Produzenten,
Paramentengeschäften und Pfärrherren
empfehlen.

Wir möchten aber nicht behaupten,
auch nicht wünschen, daß damit auch die
Ertötung des Sinnes für jeglichen, dem
schlichten Werkstück zugefügteu Schmuck
verbunden sein müßte. Wir möchten
vielmehr den S ch m u ck a m k i r ch l i ch e n
Parament. Aber der Schmuck hat
auch seine Gesetze und inneren Be-
dingungen : die Verzierung darf sich nicht
aufdrängen, darf nicht grell-bunt sein
und schreien, sondern sie muß sich dem
Hauptzweck unterordnen, — und der ist,
ein Gewandstück zu sein, nicht eine Muster-
knrte von Farben und Verzierungen. Das
Ornament muß darum sparsam ange-
wandt werden und eine ruhige, zu-
rück h a l t e n d e W i r k u n g ergeben. Das
geschieht aber dadurch, daß das Orna-
ment mit zwingender Logik angewandt
wird, von Anfang an als ein konstruk-
tiver Teil des Paraments behandelt und
zur Raumfülluug und Flächenverteilnng
mit Verständnis benützt wird. Material,
Farbe, Form und Schmuck z. B. eines
fertigen Meßgewandes müssen als etwas
organisch Gewordenes und Einheitliches
anmuten. Dazu gehört aber ein feines
künstlerisches Empfinden und ein guter,
geschulter Geschmack.

Diese Voraussetzungen bestimmen auch
die Größe des Ornaments wie der ein-
zelnen Zierformen. Vielfach sind diese
zu groß, dort wieder zu klein. Beson-
ders bei Klosterarbeiten trifft man gerne
diese mit unendlicher Liebe und Sorg-
falt' durchgeführten, zu kleinen und darum

kleinlichen Schmuckformen. Es paßt eben
nicht jedes Muster, einmal im Kirchen-
schmuck oder in einem andern Vorlagen-
werk abgebildet, allüberall hin. Es ge-
hört dazu ein feiner Geschmack, der für
Proportionen Empfindung hat.

Die Ornamente selber müssen bezüglich
der Farbe in Einklang stehen mit der
Farbe des ganzen Gewandes. Wie viel
wird da gesündigt! Oft wird eine ganze
Musterkarte von Farben und das ganze
Spektrum auf eine einzige Stola gestickt!
Die Alten beschränkten sich auf einige
Farben und zeigten sich darin als Meister.
Mau braucht mir wenige, aber gut und
fein zusammengestimmte Farben zu einer
guten geschlossenen Wirkung.

Die Verzierung soll flächen ha ft
gehalten sein. Es ist eine Verkennung
der Grenzen der textilen Kunst, plastische,
bossierte oder getriebene Arbeiten aufzu-
legen, oder durch Schattierung eine
plastische Wirkung erzwingen zu wollen.
Heute ist diese Methode ganz allgemein
im Schwung: man denke an die plastisch
wirkenden Akanthusblätter, an die schat-
tierten Distel-, Efeu- und Rosenmotive.
Der ebene Stoff fordert eben ein flaches
Ornament. (Fortsetzung folgt.)

Die Ausstellung für christliche Kunst
in Düsseldorf fslOs).

Von Prof. Df. L. Baue, Tübingen.

(Fortsetzung.)

Im Gegensatz zu den beiden genannten
Unterabteilungen enthält die „deutsche
Kunst des 19. Jahrhunderts" (Raum
7—10) nur Bilder und einige neuzeitliche
Kunstgegeustände, darunter die prachtvolle
in Eichenholz ausgeführte Figur des
„Moses, die Gesetzestafeln zertrümmernd"
von Ernst Herter in Charlottenburg, einen
hübschen Frauenaltar von Brüx, eine
Kreuzwegstation von demselben und einige
wenige andere.

Schon daraus ergibt sich, daß die Aus-
wahl der Ausstellungsgegenstände nicht
ganz systematisch getroffen wurde bezw.
werden konnte: denn „hart im Raume
stoßen sich die Dinge".

3. Die zweite große Abteilung enthält die
neuere ch r i st l i ch e il u n st ihrem ganzen
Umfang nach, und zwar ist nicht nur die
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