Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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sich auf. Die genannten drei protestan-
tischen Künstler, so verschieden sie auch
voneinander sind, stellten sich im allge-
meinen auf den Boden der Hl. Schrift.
Sie gehören gerade in ihren bedeutendsten
Werken zu den religiösen Historienmalern.
Das gibt ihrem Schaffen festen Grund
und eine gewisse Sicherheit und bewahrt
sie vor allzngroßen snbjeklivistischen Ertra-
vagnnze».

In diesem Punkt stehen ihnen die katho-
lischen Künstler, denen eS Ernst ist mit
ihrem katholischen Standpunkt, mindestens
gleich — besser gesagt, sie stehen über
ihnen. So wenig ist hier Grund vor-
handen, in das winselnde Jnferioritäts-
gejammer, in welchem sich manche gefallen,
einzustimmen, daß wir in dieser Festigkeit
der biblisch-dogmatischen Grundlage ge-
radezu den höchsten Vorzug, die unzweifel-
hafteste Superiorität der katholischen Kir-
chenknnst erblicken dürfen, die zugleich be-
fruchtend und kraftverleihend ist.

Das zeigt sich nirgends so deutlich als
da, wo diese Grundlage — auch auf katho-
lischer Seite — nicht so sicher erfaßt ist:
sofort tritt eine subjekiivistische, psycho-
logische Verflüchtigung an die Stelle, die
heiligen Vorgänge sinken herab bis zu —
man verzeihe den Ausdruck — Seltsam-
keiten, wie sie noch zu ermähnen sind. —
In Fragen des Technischen und insoweit
es sich um energische und tiefe Durch-
arbeitung biblischer Szenen handelt, können
und dürfen diese protestantischen Künstler
auch katholischen Meistern als Vorbild
dienen. Was sie aber sofort voneinander
scheidet und scheiden muß, das ist die
grundsätzliche Auffassung der biblischen
Vorgänge, des Uebernatürlichen, der Er-
lösungstat, des Göttlichen. Das letztere
ist leider vvti einer großen Anzahl katho-
lischer Meister nicht beachtet worden. Ein-
zelne haben sich in viel zu große Abhängig-
keit von Gebhardt begeben.

II.

Das führt uns zu einem Punkt, den
wir als grundsätzlich bedeutsamen heraus-
greifen und an der Hand der ausgestellten
Bilder genauer beachten wollen.

Wie st e l l t sich die moderne r e l i-
g i ö s e K u n st z u C h r istus, z u r L e h r e

von d e r P e r s o n C h r i st i und seine in
Leiden?

Es sei gestattet, einige allgemeinere Be-
merkungen über die verschiedenen Dar-
stellnngsmöglichkeiten und Auffassungs-
formen vorauszuschicken. Das Gewoge
des Geisteslebens spiegelt sich in den Auf-
fassungen und Richtungen des Kunstlebens
wider: auf und ab, gesunde und kranke
Zustände und Zeiterscheinungen, Materia-
lismus und Idealismus, Libertinismus
und Sitteustreitge, Mißachtung und Wert-
schätzung des Religiösen. Auch die ver-
schiedenen Meinungen der heutigen Welt
über Christus spiegeln sich in der Kunst
wider. Und die Frage: was haltet ihr
von Christus? scheidet wie die wissen-
schaftlichen Geister, so die Künstler.

Gehen wir von dem Christusbild der
Nazarener aus, so ist dasselbe, theo-
logisch betrachtet, zweifellos dazu angetan,
der dogmatischen Lehre von der hypo-
statischen Union Rechnung zu tragen, wenn
auch nicht sie bildlich und vorstellungs-
mäßig ganz auszudrücken. Sie traten an
ihre Aufgabe heran ganz durchdrungen
von heiliger Ehrfurcht vor dem Gött-
lichen im eigentlichen Sinn, das in der
Person Jesu Christi sich offenbarte.

Ein zweiter Zug dieser Chiistusdarstel-
luugen ist die fromme Liebenswürdigkeit,
welche sie der Christusgestalt geben; das
Liebliche, das bis zur süßlichen Manier
wird, das Weiche, das nicht selten zur
Kraftlosigkeit herabsinkt, tritt hervor. Da-
mit hängt zusammen, daß man der Dar-
stellung Jesu mit Maria zusammen eine
große Vorliebe entgegenbringt. Ernst
Deger hat uns dafür in seiner herr-
lichen und herzerguickendeu, frommen Re-
gina coeli ein vollendetes Beispiel ge-
schaffen.

Auch den leidenden Heiland stellten sie
so dar, daß aus dem tiefsten Schmerz
und dem schmachvollsten Leiden der starke
Erlöserwille, daß aus der Erniedrigung
und Schwäche seiner Menschheit die Kraft
und Hoheit seiner Göttlichkeit hervorleuch-
tete oder doch geahnt werden konnte. Auch
über sein Leiven wußten sie einen Hauch
von Frieden und Ruhe zu breiten, der
nicht selten die Rauheit und die Härte
des Vorgangs zu sehr in den Hintergrund
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