Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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jDarainentik-Hragen.

Li» Vortrng von Stcidtpsarrvcrw. A l b. Pfeffer
i» Balingen.

(Schluß.)

Die Formeusprache ist an den heute
üblichen Ornamenten recht trostlos:
armselige, dünne Motive, geistlose, blut-
leere und monotone Typen, ein Spiel
mit leeren Formen, ein verständnisloses
Kopieren alter Vorlagen. Es ist kaum
glaublich, wie skrupellos die Vorlagen im
Laib: und Schwarzschen „Kirchenschmuck"
selbst von Paramentengeschäften ausge-
plündert werden0- Man arbeitet fast nur
mit überkommenen Motiven. Altes, längst
ausgedroschenes Stroh wird wieder und
immer wieder neu vorgeholt. Dieser kunst-
gewerbliche Zweig ist wahrhaft senil ge-
worden, zur lötenden Schablone herab-
gesunken. Das Herz könnte einem bluten
über der Armseligkeit der Motive. Als
ob alle Schöpferkraft erlahmt wäre, will
es scheinen.

Es ist eine dringende Notwendigkeit,
neues Leben in die Schmucksonnen zu
bringen.

Die Ursache des Niedergangs
liegt zweifellos darin, daß zu wenig oder
fast gar keine künstlerisch-schöpferisch be-
gabten und geschulten Kr äste in der Para-
mentik tätig sind, daß man fast die ganze
Paramentik dem Fabrik- oder handwerk-
lichen Betrieb überließ oder als ein Han-
delsgeschäft ansah, mit bewußter Aus-
schaltung aller künstlerischen Rücksichten,
daß man fast ausschließlich vom Erbe der
Vergangenheit zehrte, alte Formen immer
und immer wieder filtrierte und sich nicht

si Es darf auch nicht wundernGinen, wenn
der heutige Stand der Paramentik so trostlos ist:
war doch kürzlich int Anzeigenteil eines großen
politischen Blattes ein Parainentengeschäft zum
Verkauf ausgeschrieben mit der "Bemerkung:
„Branchekenntnisse sind nicht notwendig." Bei
der Tatsache, daß, wie kürzlich Rechtsanwalt
Rumpf auf dem Katholikentag in Breslau,
August 1909, ausgesührt hat, jährlich 12 bis
15 Millionen Mark in Deutschland für Paramente
ausgegeben werden, der weitaus größere Teil
dieser gewaltigen Summe ins Ausland wandert
für französische Fabrikware, sind freilich keine
Branchckenntnisse nötig, künstlerische Fähigkeiten
auch nicht.

auf Eigenes besann. Deswegen mußte
die Paramentik schwach, krank, arm und
senil werden.

Eine Besserung der danieder-
liegenden P a r a m e u t e n k u n st i st
nur davon § u erhoffen, daß s i ch
künstlerische Kräfte um die Her-
st e l l u n g und A u s st a t t u u g der
Paramente annehmen und daß
das kaufende Publikum die bis-
herige Fabrikware z n r ü ck w e i st
und höhere Auforderu u g e n a u
die A u s st a t t u u g der Paramente
stellt.

Das profane Kunstgewerbe hat
heute zweifellos einen hohen Stand erreicht.
Noch vor 15 Jahren galt für die kunst-
gewerbliche Produktion der Satz: Billig
und schlecht. In zehnjährigem ernsten
Ringen und Arbeiten hat es heute eine
Blütezeit erreicht: ich erinnere nur au
die Zimnierausstattungen der Münchener
Ausstellung 1908 oder der Vereinigten
Werkstätten in München, an die Stoffe,
Stickereien, Metallarbeiten, die in München
zu sehen waren: Werke von überzeugender
Kraft, voll innerer Wahrhaftigkeit und
Gediegenheit, von feinstenl Empfinden in
Form und Farbe. Künstler sind es ge-
wesen, die von Anfang an die Bewegung
gemacht und gefördert haben, und Künstler
stehen heute noch an der Spitze der Be-
wegung.

Auch im k i r ch l i ch e u K u u st g e w erbe
der letzten Jahre sind es die Künstler
gewesen, welche einen Umschwung und
eine Wendung zuiil Besseren eingeleitet
haben. Die schon genannte Ausstellung in
München 1906 wies neue Kelche, neue
Leuchter und Monstranzen, also besonders
Metallarbeiten auf, in denen sich feiner
Geschmack und Formempfiuden mit höch-
ster technischer Vollendung und Brauch-
barkeit in der kirchlichen Praxis vereinen
und Ansätze zil einem neuen Stil zeigen.

Auch auf dem Gebiete der Paramen-
tik wird es so kommen müssen wie ans
den andern Gebieten des Kunstgewerbes:
sie kann nur durch Künstler ge-
hoben werden.

Ansätze sind glücklicherweise schon vor-
handen. Auf der letzten Versammlung des
Diözesauknustvereins in Ravensburg 1907
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