Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 27.1909

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Schrift sich als ein Ornament den andern
Ornamenten einfügt. Viel bemerkt wurde
auch eine kostbare Filetspitze zu einem
Altartuch in edlen Formen; Kreuz und
streng stilisierte Aehren wechseln ab in der
Füllung. In allen diesen ausgeführten
Arbeiten fällt jedem Beschauer ans die
ruhige, einfache Wirkung, mit den ein-
fachsten Ausdrucksmitteln erreicht, die Vor-
nehmheit und Schlichtheit, die wohltut
durch den bewußten Verzicht auf alles
Unechte, Blendende und äußerlich Schim-
mernde, die vornehme, dem Auge wohl-
tuende Farbenwahl. Wie einfach, fast
primitiv ist das Ornament: durch die
rhythmische Reihung der einfachen Linien
und Quadrate und die sparsame, wohl-
überlegte Verwendung am rechten Platze
entsteht dennoch eine feierliche Wirkung,
gepaart mit solider Einfachheit und maß-
voller, wohltuender Ruhe. Mitten hinein-
gestellt zwischen die edlen, vornehmen und
feinfarbigen Paramente der Gmünder
Kirchen, brauchten diese neuen Arbeiten
den Vergleich mit den allen nicht zu
scheuen: die beste Probe auf ihre Tüchtig-
keit. Wir begrüßen mit Freuden den
Entschluß der Künstlerin, sich ganz auf
Paramentikschaffeu zu verlegen; sehen wir
doch in ihren Arbeiten einen erfreulichen
Fortschritt zu selbständigem Schaffen,
einen einheitlichen großen Zug in Anf-
fassnng und Durchführung einer gestellten
Aufgabe unter voller Wahrung der litur-
gischen und kirchlichen Vorschriften und
Erfordernisse. Ueberaus wünschenswert
wäre es, wenn die Benediklineiinnen und
die genannte Künstlerin in den klösterlichen
Instituten und Paramentenvereinen künst-
lerisch hochbegabte und eifrige Nachfolger-
innen finden würden. Die Paramenten-
kunst würde eine neue Auferstehung erleben
und unsere Klagen über das Elend in
der Paramentik würden verstummen.

Wir können an dieser Bewegung
u i ch t mehr gleichgültig und inter-
esselos vorübergehen. Die Not
in der Paramentik ruft dringend
um Abhilfe.

Ich denke mir die nächsten Schritte zur
Besserung so: jedes Paramentengeschäft,
jedes sich mit Herstellung von Paramenten
beschäftigende klösterliche Institut muß sich
eigene, ständige, künstlerische Kräfte heran-

ziehen. Unter einer künstlerischen Kraft
ist aber ein Doppeltes zu verstehen: eine
angeborene feine künstlerische Begabung,
herangebildet an einer tüchtigen Kunst-
gewerbeschule oder an kunstgewerblichen
Werkstätten, wie die unter Bernhard
Pankoks Leitung stehenden in Stuttgart,
oder in guten Meisterateliers, ixnb dazu
genaueste Kenntnis und jahrelange Ver-
trautheit mit den technischen Bedingungen,
Ausdrucksuiöglichkeiten und Schwierig-
keiten. Diesen Kräften, Frauen oder
Männern, würde die künstlerische Leitung
eines Paramenteugeschasts oder Para-
mentenvereins zufallen. Ein neuer ideal-
hochstehender Frauenberuf würde sich er-
öffnen. Jede, auch die kleinste, unschein-
barste Arbeit würde von dein Künstler
entworfen und in der Ausführung über-
wacht. Im Anfang dürste das Unter*
nehmen mit manchen Schwierigkeiten zu
kämpfen haben und kostspieliger sein als
der bisherige Betrieb. Im Laufe oer
Jahre werden diese Opfer und Auslagen
sich reichlich bezahlt machen durch höheren
Wert der hergestellten Arbeiten. Auch
darf nicht verkannt werden, daß ein feinerer
Geschmack beim Publikum sich langsam
anbahnt uub ein Verlangen und eine
Sehnsucht nach besseren künstlerischen kirch-
lichen Ausstattnngsgegenständen sich immer
mehr geltend macht. Durch den Uebergang
vom pur handwerklichen zu einem künst-
lerischen Betrieb wird sich nach und nach
ein eigener Werkstättenstil herausbilden.
Die Arbeiten jedes Paramentengeschäfts,
jedes Paramentenvereins werden eine ge-
wisse stilistische Note, eine Eigenart an
sich tragen, die sie von den Erzeugnisse:!
anderer Firmen auf den ersten Blick unter-
scheidet. Das wird den Tod der Schablone
und der heute üblichen Gedankenlosigkeit
und allmählich einen sicheren Geschmack
herbeisühren.

Früher war der Handwerker Künstler
und der Künstler Handwerker. Das ist
heute ganz anders geworden. Heute wird
das Handwerkliche des kunstgewerblichen
Betriebes schon wegen der Gefahr der
Zersplitterung der Einzelkräfte nicht mehr
Sache des Künstlers sein. Umsomehr ist
er berufen, die geistige Leitung auszu-
üben, wie das z. B. in den „Vereinigten
Werkstätten" in München und Dresden
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