Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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seligkeil denselben Menschen gut und edel
machen ans Dankbarkeit für so viel Un-
verdientes.

Das Gold des Morgens verwandelt
sich um Mittag in das strahlende Weiß
des reifen Lichtes, zu denl sich die frucht-
bare Wärme gesellt. Der Tan ist ailfgezehrt
und Aznrblän erfüllt den Himmelsraum.
Die Stärke des Lichtes durchdringt das
feine Gewebe der Blütenblätter, daß sie
wie Libelletiflügel erscheinen, oder es senkt
sich in den tiefen Kelch farbenprächtiger
Blumen und verstärkt die Glitt darin.
Das Grün der Bäume und Fluren
leuchtet in taitsendfachen Abtönungen, daß
schon dieses allein den beobachtenden Geist
mit höchstem Erstaunen fesselt! müßte. Und
darin steht Hans und Hof, die Dorfkirche
mit rotem Ziegeldach und blitzenden Fenstern
und dein settersprühenden Hahn auf dem
Turm, und alles erscheint so neu, so froh
und strahlend, als wenn es keine Nacht
uub keine Wetter gäbe.

Aber schon droht avl fernen Himmel
lichtgraues Gewölk. Es türmt sich zu
nlächtigen Ballen. Von allen Seiten steigt
es herauf, die Sonne ist bedeckt, sie weicht
dem nnstürmenden Wetter. Wo eben strah-
lende Bläue, da dräut titln ein Himmel,
furchtbar in ehernem Grau, das sich
zu tiefem, v i o l e t t e m P u r p n r verdichtet,
das tiächtlich wirkt uub umso beängstigender,
da sich mit ihm eine Ahnung drohenden
Verderbens in die Natur senkt. Und dann
bricht es hervor, leuchtendes Schnellfeuer
im scharfen Zickzack, rötlich gelb das
Dunkel des Dnnstpnrpurs durchzuckend,
zerschneidend. Zweifel und Offenbarung
können tiicht krassere Gegensätze sein, wie
dieses finstere Brütet! ant Himmel uub
das gewaltsame, unaufhaltsame Hervor-
schießen des Blitzes.

Und abermals ein Szenenwechsel, ivie
ihn nur die Allmacht Gottes schaffen kann.
Das Wetter hat ausgetobt, das farblose,
fahle Licht, das durch die Gewitterivolketl
fiel und jede noch so glühende Farbe
stumpf und tot erscheitien ließ, kommt
heller uub heller zurück, erweckt neues
Leben, schreitet durch den Friedensbogett,
der vielfarbig ain Hiuunel steht, und legt
aus die Welt den verklärenden Schein der
Abendsonne. Die vonr Regen erfrischte
Nattir nimmt dankbar die Strahlen ani.

die die Sonne vor ihrem Scheiden wie
eitlen Muttersegen ans der Ferne ihr sendet,
und leise breiten sich die Abendschatten
wie leichte Decken, mit dein Rot der unter-
gehenden Sonne verbrämt, über die Farben-
freude des verlöschenden Tages.

Welche Fülle des Geschattlen, welcher
Reichtum der Eindrücke bei nur einein
kurzen Blick in das Spiel der Natur, das
in den großen Momenten, dem Wechsel
der Jahreszeiten, der Anfeinanderfolge
von Tag und Nacht sich gleich blieb dilrch
die Jahrtausende, aber im eitizelnetl so
tnatliiigfach, so überraschend neu und über-
wältigend sich zeigt. Man denke nur au
die Großartigkeit der Wolkenzüge mit ihren
feurigen Lichtkanten und tief braun-
violette tl Schattenseiteii, an die
Atlflösnng aller, auch der stärksten
Farben in dem starken Goldt on, den
die Nachmittagssonne ansgießt, so daß sie
ivie eine G o l d l a s n r die eigentliche Farbe
bedeckt und diese nur leicht und körperlos
erscheinen läßt. Und wiederum der ganz
mondhelle Sternenhimmel, der sein Silber-
l i ch t ansgießt und in seinen kühlen Strahlen
alles Weiß in der Natur hervorhebt und
hoheitvolle Keuschheit atmet.

Und die Wnnderwelt der Schatten in
allen undefinierbaren grauen, bläulichen,
grünlichen, purpurnen Schattierungen, wie
sie den Wald geheimnisvoll, die Fluren
verzailbert und die Felsen wie mit Samt
umkleidet erscheinen lassen und die Ferne
ans göttlicher Unnahbarkeit dein Geschöpfe
in vertrante Nähe rücken! Ja, „die
Hinunel rühmen des Ewigen Ehre", und
neben dem Licht, das am hellsten die
Glorie seiner Schöpferkraft zeigt, ist es
die Farbe, die am leuchtendsten die
Folie zil dein Weiß und Gold seines Ab-
glanzes in den ewigen Gestirnen bietet.

2. N a t u r f ä r b e m i t t e l n n d F a r b e n-
ü b e r e i n st i in m n n g i in a l t e n K u n st-
g e w e r b e.

So war die Natur da, das große Werk
des Willens Gottes, und in diese Natur
kain der Mensch. Er wuchs hinein in das
Leben der Natur und machte sie seinem
Willen dienstbar. Auch die Schöpferkraft
Gottes war in ihn hineingestrahlt, und
ein Funke der Allweisheit erleuchtete die
Seele. So machte der Mensch sich die
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