Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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Elemente zu Freunden. Die Erde aber
wurde wie eine Mutter des Menschen-
geschlechtes. Sie nährte es an ihrem
Herzen, aus ihren Kräften und Säften
und lehrte es lesen in dem Buche ihrer
Liebe und der Fülle ihres Reichtums.
Und da fand der Mensch alles, was ihn
geführt hat zu den Höhen des Lebens und
der Kultur. Er faub in den Tiefen der
Erde die Metalle, in der Erdkrume die
Nährkraft für die Pflanzen, er fand in
den Pflanzen die eigene Nahrung, Heil-
kräfte, den Faden zum Gewand, die Färb e.
Denn wie konnte er die Fülle der Farbe
in der Natur sehen, ohne zu versuchen,
die farblose, getrocknete Pflanzenfaser, das
schlichte Braun des Leders, beftimnrt zu
Kleidung und Wohnung, zu färben? So
machte ihn die ihn umgebende Farben-
pracht findig. Er entoeckte in Kräirlerir
mit rosen- oder pnrpnrroten Blüten den
Indigo, die Farbe, die ihm jede Ab-
tönung des Himmels, jeden seinen
blauen Blütenton ermöglichte, je
nachdem er den ans der Pflanze des
Jndigofera gewonnenen Farbstoff hell oder
dunkel auf seine Geivebe lingP In der
Wurzel des Walnußbaumes oder tu den
Schalen der Früchte fand er den brau-
nen Saft, um den mehrmals vorgefärbten
Indigo in ein herrliches und haltbares
Braunschwarz zu tönen und um den so
wichtigen sebständigen braunen Ton zu
färben und durch einen fein abgemessenen
Zusatz von diesem Braun allen anderen
Farben ihren Slimmnngsgrad, die vor-
nehme Weichheit, die gewisse Lasur, zu
verleihen, ohne rvelche eben von Schönheit
der Farbe keine Rede sein kann.

Wieder die Wurzel d e s K r a p p 2) bot

H In Europa fand man den W a i d (Gattung
der Kruziferen), Stauden mit gelben Blüten,
welcher das wichtigste Mittel zum B l ausär b e n
war. Mau nannte ihn den d eut s ch en Ind i g o,
schätzte ihn dem Indigo so ebenbürtig, daß er auch
der tropische Waiv genannt wurde. Heute noch
wird er in Südfrankreich und Thüringen für die
Waidkufe, in welcher Indigo in einem durch deir
Färbeivaid eingeleiteten Gärungsverfahren in
warmem Wasser gelöst wird, angebaut. Die An-
wendung des Indigo, dessen Heimat Indien ist,
geht in die Urzeit zurück. Die frühesten Spuren
über die Färberei mit Indigo lassen sich in Aegypten
nachiveiseu. Dort hat man Mumien, aus der Zeit
um 1580 vor Christus stammend, gefunden, deren
Umhüllungen mit Indigo gefärbt waren.

2) Unter „Krapp" ist der zerkleinerte Wurzel-

ein „tiestoniges Blutrot, backsteiuartig, zu
Scharlach neigend" (Morris) H, wenn aus
Wolle gefärbt. — Der Färberwa u, auch
wilde Reseda genannt, gab ein helles
Gelb, die Faser der Blüte des Krokus
das rötlich gelbe Safran^). Aber
auch die Tierwelt half dein Bestreben,
all die wunderbaren Fnrbenspiele, wie sie
dem Auge des Menschen sich boten, nicht
nur in den großen Bildern der Natur,
ganzen Wäldern, Blumenfeldern, sondern
auch im lebensvollen Schimmer der Samt-
llnd Emailtöne, wie sie Schmetterling und
Käfer schmückten, nachahmen zu können. Die
Insekten Cochenille und Kermes,
den Morris als den König unter ihnen
bezeichnet, geben noch wieder vom Krapp
ganz verschiedenes Rot, und dieses wieder
noch verschieden, je nach der Basis, ans
welcher es gefärbt wird.

Die P n r p n r s ch n e ck e enthält dann
noch den klassischen Ton, den am besten
braun v i o l e t t (T a f e l III) ch bezeichnet,.
der Ton, wie er der reifen Pflaume eigen,
den schönsten Blättern der viola tricolor,
wie er sich als Schatten in der Natur am
wunderbarsten in den Schluchten der Felsen
lagert, wie er dem Porphyr eigen, ans
denr die Grabmäler der Könige gemeißelt
wurden. Dieser Pnrpnrlon ist der des
königlichen Mantels eines Salomon ge-
wesen, wie er die Farbe des clayus war,
welcher als einziger Schmuck die Tunika,
das klassische Gewand vornehmer Römer,
zierte, lind der eigenartige Ernst, welcher
von den kunstreich geschmückten, gestickten

stock der zu den Rubiaceeu gehörenden Färverröte
rubia tinctorum zu verstehen.

H William Morris, der Reformator des
engl. Kunstgeiverbes, gab eine Sammlung heraus
»Arts and Crafts Essays« iKunst unv Hand-
werk), enthaltend die 5 Bände: I. Tie Dekorativen
Künste; II. Die Buchkunst; III. Keramik, Metall-
arbetten und Gläser; IV. Wohnungsausstattung;
V. Gewebe und Stickereien. Leipzig 1002 (See-
mann). Früher 2 Mk. per Stück, jetzt billiger.

2) In einer interessanten Schrift von 113Seiten:
„Geschichte der in Deutschland bei der Färberei
angewandten Farbstoffe mit besonderer Berück-
sichtigung des mittelalterlichen Waidbaues", Leipzig
(Beit) 1905, macht Er. Fritz Lauterbach mir
den verschiedenen Farbmitteln und Verfahren beim
Färben von Geweben in früheren Jahrhunderten
und den Ursachen für den Wechsel in der Ver-
wendung der verschiedenen Farbstoffe bekannt.

3) Diese Tafel folgt als Kunstbeilage in der
nätzsten Nummer.
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