Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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baren Wort Jesu: „Weinet nicht über mich,
sondern über euch itnb eure Kinder. Denn
es werden Tage kommen ... da man zn
den Bergen sagen wird: fallet über uns,
und zn den Hügeln: bedecket uns." Eine
Mahnung zur Einkehr bei sich selbst, zum
Nachdenken über das eigene Los — zu-
gleich als wertvollster Dank des Herrn für
das ihm entgegengebrachte Mitleid! Dem
entspricht auch ganz die Haltung Jesu,
welche der Künstler ihm gegeben hat: sie
ist prophetisch hinweisend ans Kommendes,
ernste Mahnung, an den eigenen bemit-
leidenswerten Zustand 51t denken.

Die 10. Station (Je s ns wirb seiner
Kleider beraubt) bringt in gut ab-
gewogenen Gegensätzen die Geschäftigkeit

der Schergen, das stolze Machtbewnßtsein j
des römischen Offiziers und endlich die
Scham, das Gefühl der Entwürdigung
im Antlitz deS Heran '). Der Gedanke,
daß der Herr diesem Vorgang passiv
gegenüberstehe, ihn als brutalen Gewalt-
akt über sich ergehen lasse, ist durch die
eigentümliche Stellung Jesu nach rulserem
Empfinden ein klein wenig verwischt.

Eine ungewöhnlich eindrucksvolle 1111b
fromm empfundene Szene ist Der Tod

0 Ein kleiner Lapsus ist dem Künstler hie-
bei unterlaufen, der freilich nicht weiter stört,
insofern er den Herrn zuerst des weißen Unter-
kleides, das bereits von einem Soldaten davon-
getragen wird, dann erst des braunen Mantels
(Ueberkleides) entkleidet werden läßt.

Jesu a»l Kreuze. Die erhabene Hal-
tllng Jesu, das schmerzvolle Wehernfeli
Mariens, die Teilnahine des hl. Johannes,
das alles lvird zur erschütternden Predigt
vom Erlösnngstode Christi. Die niedere
Form des Kreuzes nötigte dazu, Maria
Magdalena in etwas übermäßig ge-
zwungener Haltung anl Boden kauernd
darznstellen').

Zu den erhebendsten un d schönsten Stücken
dieses Kreuzweges möchten mir die Kreuz-
abna h m e (13. Station) bezeichnen.
Fngel sucht hier nicht den Hauptton ans
den anstrengenden Vorgang zn legen, etiva
wie Rubens, foitbent in sinniger und
feiner Weise nimmt er den Gedanken der
Pieta heran uub läßt Maria sitzend den

Leichnanl des göttlichen Herrn erwarten,
um ihn auf ihren Schoß zn legen — ein
sehr glücklicher Gedanke!

Wie stiller Friede ruht es über der Szene
des Begräbnisses Jesu zilr Stilnde
der sinkenden Sonne. Vor dem geöffneten
Felsengrabe hat der kleine Zug der Jesus
treu Gebliebenen noch eiuntat Halt ge-
macht , um ihm nochmals die letzte Ver-
ehrilng zu zollen, ihm die letzten Dienste

H Eine Art Kompromiß hat der Küustler auf
diesem Bilde auch in W Farbengebung ge-
schlossen. Es ist nur aus einem solchen er-
klärlich, daß die beiden Schächer im Dunkel, der
eine in graugrünlichem, der andere in bräun-
lichen: Lichte erscheint, wahrend die übrigen Per-
sonen von vorne her beleuchtet sindvonweißemLichte.

Fuget: Jesus wird ins Grab gelegt.
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