Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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gaben für Erhörnug landwirtschaftlicher
Wünsche.

Ueber diesem unteren Stockwerk des
zierlichen Altars erhebt sich aus zwei
pilasterartig gegliederten Füßen, die ge-
rade über dem Tabernakelanssatz eine
Lichtweite von 30 cm Höhe zwischen sich
sreilassen, das Hanptprunkstück des ganzen
Werkes, das Neposilorinm. Dieser Bal-
dachin von 28:54 cm Lichtweite ist für
die unten beschriebene Madonnenstatnetle
bestimmt. Der Jnnenranm ist grün aus-
geschlagen, die Vorderseite geöffnet, die
beiden Schmalseiten zwischen Hintergrund
und Vorderpilaster mit Glasscheiben ver-
schlossen. Die beiden Seiten des Sockels
flankieren zwei Engel, die in zierlicher
Vollfigur ans dem Rand des nuferen Ge-
simses stehen und mit einem Arm gemüt-
lich sich an den Fuß des Baldachins an-
lehnen ; den äußersten Rand des Unter-
geschosses neben den stehenden Putti krönen
zwei große, reich ornamentierte, freistehende
Leuchter, die für je zwei Kerzen, vielleicht
auch für je eine Kerze und eine Vase oder
Engelsfigur bestimmt zu sein scheinen.
Ueber ihnen schweben, mit Draht an die
ausladenden Eckornamente der Baldachin-
krönnug angehestet, zwei andere Engels-
figuren von ähnlicher Größe, bunt be-
malt, die Hand leider ziemlich stark be-
schädigt. Der oberste, ca. 25 cm hohe
Ornamentanfsatz, der die Spitze des großen
Dreieckaufbanes bildet, ist der anr reichsten
gegliederte; pausbackige, beflügelte Engels-
köpfchen beleben die geschwungenen und
geschlungenen Linien des überhängenden
Mnschelfrieses und erwecken noch mehr
als die freischwebenden Engel zu beiden
Seiten der Madonna die Illusion himm-
lischer Herrlichkeit, in der die Mutter
mit bem Kinde thront, oder sinnbilden, da
wohl nicht von Anfang an das Repo-
sitorinm für die seltsame Madonnenstatne
bestimmt war, die Anbetung des Engels-
brotes, dessen Exposition die prächtige
Nische über dein Tabernakel wohl in
erster Linie diente. Zwei weitere Engels-
figuren, die auch gn dem Altaraufsatz ge-
hörten, sind mit einigen Ainschelfragmenten
in denr Kasten der Sakristei aufbewährt,
desgleichen Bruchstücke von zwei Leuch-
tern; jene gehörten vielleicht gn Den beiden
Postamenten anr Fuß des Baldachins.

Mit diesem Werk hat die Rokokoplastik
in Technik und Dekoration sicherlich das
gewöhnliche Maß der Miniaturarbeit über-
schritten und hat in dem armen Kapellchen
eines kleinen Landortes den ganzen Reich-
tum ihrer Knnstformen freigebig ent-
faltet. Mit diesenr vielleicht einzigartigen
Altar hat die Schrezheimer Fapencefabri-
kalion, wenn anders nur der Entwurf,
nicht auch die Formung auf französische
Arbeit zurückgehen sollte ff, sich ein unver-
gängliches Denknral einstiger Knnstblüle
geschaffen und den Nachkommen hinter-
lassen, die jetzt allen Lockversuchen zunr
Trotz mit Recht sich gesagt sein lassen:
„Was du ererbt von deinen Vätern hast.
Erwirb es, um es zu besitzen."

In diesenr denkwürdigen, ebenso sel-
tenen als kntlstvollen Rahmen ist das an
letzter Stelle behandelte Wunderbild der
„Aradonna vom Blute" irr der Schrez-
heimer Kapelle eingefaßt — ein eigen-
artiger Kontrast, der aus der heiteren
Schöpfung des Rokokozeitalters und der
blntigernsten Gestalt der spätmittelalter-
lichen Bilderlegende znnr verwunderten
Beschauer spricht! Von den leichtgeschürzten
Engelfignren und Blumengewinden in den
lichtesten, zierlichen hellsteir Farben um-
geben, starrt die steife Aradonnenstatuette
in denr Fapencebaldachin wie ein Weserr
ans einer anberen Welt uns an, mitten tm
Genrach einer Fürstenresidenz ä la mode
du XVIII6 siede ein ungeschlachtes
Volkskind, ein Produkt der ikonographi-
schen Sagenfreude Des ausgehenden Mit-
telalters.

Die Statrrette, aus anderem Material
(Holz?) und gröberer Farbenablönnng als
das schmucke Altärchen, ist 47 cm hoch
samt Krone, die aus ein und derselben
Masse wie die Gestalt der Madonna ge-
formt ist. Der kleine Sockel besteht ans
zwei I hff cm hohen Stufen. Die Figur
der Madonna trägt ein reichgesaltetes,
fünsfarbiges Ober- und Untergewand mit
Umhang. Auf denr linken Arnr trägt

ff (Sin Vergleich mit der Liller Fayencearbeit
int Mus6e Cluny in Paris vom Jahre 1758,
abgebildet in O. v. Schorirs Kunsterzeugnisse ans
Ton und Glas, 1888, Seite 79, zeigt den ge-
waltigen Fortschritt der schwäbischen Schöpfung.
Die zu Lille 1686 eingerichtete Porzellanfabrik
stellte außer Gefäßen und Kaminen auch kleine
Altäre her, vgl. Schorn a. a. O. S. 78.
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