Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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Maria das unbekleidete Jesuskind, in der
rechten Hand einen goldenen Stab (Zepter ?).
Das Haupt der Madonna, mit einer ein-
fachen, goldgelb und schwarz ornamen-
tierten Mauerkrone geschmückt, ist schwarz.
In einem tiefen Einschnitt des Kopfes
liegt frei eingesetzt ein ca. 20 cm langes
hölzernes Schwert mit starkem Knauf.
An den Einsatzstellen des Schwertes, die
durch die Krone tief in die Stirne dringen,
sind links und rechts Blutspnren ange-
bracht. Auch über die Stirne träufelt
Blut mitten ans der Stirnwnnde. lieber
dem dreifachen Gewand hängt um den
Hals, zweifach geschlungen, eine Perlen-
schnur mit großem Medaillon: ein salz-
bnrgischer Taler von Fürstbischof Gundo-
bald ans dem Jahre 1662 mit dein Bilde
der Madonna unb dem hl. Nndbertus.
Die spitzen Schuhe der Geivandfignr sind
schwarz bemalt; das Gaiize eine bunte
Farbenskala. Auch hinten ist die Statiietle
sorgfältig bemalt. Das schwarze Gesicht
der Madonna, länglich und schmal, iiach
links geneigt, schaut indes nicht auf das
Kind, sondern richtet die etwas starren
Augen in die Feine in Schmerz oder
Schrecken.

Wir haben offenbar in dieser Statue in
bem Baldachin des Schrezheimer Fapence-
altärchens eine Darstelluiig jenes ikono-
graphischen Legendentppus, bem wir auf
weit zerstreuten Wegen schon begegnet.sind.
Es ist die Legende von der Reaktion leb-
loser Bilder aus blasphemische Realinjurien,
nur daß dieser einheimische Vertreter der
Blntlegende ein statuarischer ist. (Schlußs.)

(£in heiß umstrittenes Marienbild.

D i e „ Bl a d o n n a mit der W i ck e n b l ü t e".

Von Prof. Dr. L. Baur, Tübingen.

(Schluß.) %

Inzwischen hat F i r m enich - R ichartz
seinen Standpunkt weiter dargelegt und
präzisiert1 *). Er legt besonders darauf
Wert, daß am Anfang des 19. Jahr-
hunderts die Kenntnis der gotischell Tafel-
lnalerei noch so mangelhaft und unzu-
reichend gewesen sei, und zwar sowohl
bei den Forschern wie auch bei den

l) Monatshefte für Kunstwissenschaft II (1900)

Heft 8 und 9.

Sammlern und Künstlern, daß voll einer
auch nur anllähernd richtigen entwicklnngs-
geschichtlichen Einreihung der Bilder die
Rede gar lücht sein konnte. — Roch viel
weniger wäre es denkbar gewesen, daß
ein Fälscher ein solches Werk zustande
gebracht hätte, das sich noch liach bem
heutigen Stand unserer Kenntnis der
Entwicklung der (Kölner) Malerei so
restlos und glatt einstigen lvürde.

In diesem Punkt stimmt ihm auch
Max Friedlände rZ ausdrücklich zu:
die Aennlichkeit, Zuchtlosigkeit, Traditions-
losigkeit im Handwerklichen, welche den
Zustand der Malerei im Anfang des
19. Jahrhunderts kennzeichnen, ließen
eine solche Fälschung rncht als möglich
erscheirien.

Gerade eine Reihe von Bildern,
ivelche wir als Versuche, alte Kölner-
Bilder liachztiahnlen, kennen, wie z. B.
das Antepelldinlir voll St. Ursula, die
Seitenwände des Albinnsschreins, zeigt
aufs deutlichste, wie wenig damals die
iniitierenden Künstler befähigt waren, so
disparate Elernente zu einem Werk aus
einem Guß zu gestalteli, ivie es die
Madonna mit der Wickenblüte ist.

Uebereinstiinlnend heben auch Fir-
nl e n i ch - R i ch a r tz, F r i e d l ä n d e r unb
andere hervor, daß es einem etwaigen
Fälscher gar liicht verlockend erscheineli
konnte, ein solches feines Werk mühevoll
zusammenznlilalen, weil damals nicht ein-
mal die Originale hoch bezahlt wurden.

Die Kontroverse wurde inzwischen noch
aus stilistischem Boden weiter verfochten:
während Karl VollZ im Gegensatz zu
23 obe3) die Frage erhebt, ob es Bilder
gebe, die sich mit der Madonna mit der
Wickenblüte zu einer stilistischen Gruppen-
einheit zusanlmensassen lassen, unb diese
Frage verneint, vertritt Bode die gegen-
teilige Ansicht, ebenso auch Firme-
n i ch - R i ch a r tz und Max Fried-
tauber. Besonders Richartz zeigt, wie
dieses Madonnenbild fast als eine fest-
stehende Kölner Schilktraditioll anszufassen
sei, wie auch die Gestalten ans den Flügeln
häufig wiederkehren, was ein Vergleich

H Zeitschr. f. bild. Kunst 1909, S. 273 ff.

2) Original und Reproduktion 1909, 2 Hefte.

3) Vgl. Cicerone 1909, Heft 1.
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