Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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mit Bildern im Germanischen Museum,
im Kaiser - Friedrich - Museum und im
Mnseum in Darmstadt beweise, in wel-
chen Poppelreuter ja gerade die Ver-
wandtschaft bezw. Vorlagen sehen wollte.
Friedländer seinerseits verweist be-
sonders auf das Münchener Veronikabild,
mit welchem die Madonna mit der Wickeii-
blüle auch in technischen Einzelheiten über-
einstimmt.

So helfen stilkritische Fragen nicht
weiter. Es bleibt die Entscheidung ab-
hängig vom technischen Befund.

Da wurde nun, wie bereits erwähnt,
ans den Unterschied in den Craqne-
lieruugen (Mißbildungen) hingewiesen. —
Der Hinweis würde dann zum ernst-
haften Beweis, wenn sich solche Formen
der Rißbilduna, wie sie die Madonna
mit der Wickenblüte zeigt, nirgends auf
alten Bildern, sondern nur auf solchen
ans dem ersten Drittel des 19. Jahrhun-
derts fänden.

Demgegenüber führt nun Friedländer
den Nachweis, daß in der Tat es die
Regel ist, daß Gemälde des 15. bis
17 . Jahrhunderts ganz feine Rißbildnngen
aufweisen; in seltenen Ausnahmen
überhaupt keine Rißbildung zeigen. Aber
diese Regel ist nicht ohne Ausnahme:
Friedländer vermag mehrere zweifellos
echte, alte Bilder namhaft zu machen,
welche gleichfalls breite Craqueliernng
zeigen: so ein altkölnischer Altar ans der
Sannulung Brenken (jetzt im Kaiser-
Friedrich-Museuul Berlin), dann beson-
ders auf dem Genter Altarwerk.

Also ist auch dieser Beweis nicht durch-
schlagend , umsoweniger, als wir von
der Technik der Allen viel zu wenig
wissen. — Nun setzt man die Hoffnung
einer definitiven Entscheidung der Streit-
frage auf eine chemisch-mikroskopische Unter-
suchung, wie sie von Rählmann vorge-
schlagen wurde. — Die Mehrzahl der
Forscher neigt sich gegenwärtig der An-
sicht zu, daß die herrliche Kölner Madonna
mit der Wickenblüte echt sei und eines
der kostbarsten Bilder des Wallraff-
Richartz-Musenms zu Köln ausurache.

Der ganze Streit zeigt aufs neue, wie
schwer es ist, Echlheitssrageu aus rein
stilkritischen Gesichtspunkten §u entscheiden.

Literatur.

D i e heiligen drei Könige i n L i t e -
ratur unb Kunst von Hugo Kehrer.
2 Bde. (Quart.) Leipzig (E. A. Seemann)
1909. Preis geb. 30 M.

In ganz umfassenden, den ganzen Komplex
der einschlägigen Fragen ans literarischem, kultur-
und kunsthistorischem Gebiete berücksichtigenden
Untersuchungen legt der Verfasser hier eine
wissenschaftliche Arbeit über die heiligen drei
Könige vor, die man als im wesentlichen er-
schöpfend und abschließend wird betrachten müssen.
— Wir kennen ja allerdings anch ältere Arbeiten,
die demselben Gegenstand geividnret sind : so hat der
gelehrte Jesuit H e r m a n n C r o in b a ch in seinem
»Primitiae gentium, sive historia et enco-
mium 8. s. trium regum Evangelicorum«,
zu Köln 1654 erschienen, eine sehr gründliche
Erörterung des Gegenstandes dargeboten, frei-
lich, ohne daß er die Knnstdenkmäler in seine
Untersuchungen hereiirzog. Dann liegeir ein-
schlägige Arbeiten von G. Zappert (Epiphairia),
CH. S ch o e b e l und N. H a m i l t o ir vor. Allein
keine derselben hat das Thema so allseitig, gründ-
lich und mit solch ausgebreiteter Literaturkennt-
nis angefaßt wie der Verfasser. — Zu dem un-
gewöhnlich reichen Literaturverzeichnis, das er an-
führt, habe ich mir nur eine Ergänzung no-
tieren können, nämlich G. Lampakis, UeqI
zov ev zfj ovvEideiO't'i xal tfj ze^v^ zojv
aQ^cdtov y^Qioziavojv o%i]fiazog zov dozt-
Qog zrjg Be&Aee/x (Ne<x 2Lo)v 11 1905

542 ff.) — Die zeitliche Grenze, welche der Ver-
fasser seiner Arbeit gab, schließt mit Al brecht
Dürer ab.

Ter Zweck ist, aus der christlichen Kultur
heraus, wie sie in Poesie und Hymnus, Gebet
und Predigt, Liturgie und Schauspiel sich ent-
faltet, das christliche Bild verständlich zu machen.

Zu diesem Zweck sucht er sich im ersten Band
die literarische Grundlage zu schaffen, indem er
mit erstaunlichem Fleiß und mustergültiger Akri-
bie alle Formen darlegt, welche die Geschichte
der heiligen drei Könige in Literatur und Litur-
gien, in den Hymnen des Ostens und Westens
aufweist, alle Die Varianten, welche die spätere
abendländische Legende ihr noch gab, alle Wand-
lungen, die sie in den Dreikönigsmysterien wie
auch im Volksglauben erfuhr.

Es ist nicht Sache einer Kunstzeitschrift, zu
diesen Erörterungen eingehend Stellung zu neh-
men: sie unterstehen dem Urteil der Exegeten,
Dogmenhistoriker und der Vertreter der Liturgie-
geschichte. — Aber Eines vermögen wir doch nicht
zu unterdrücken: unser Bedauern anszusprechen
über die Stellung, welche der Verfasser gegen-
über der Historizität des evangelischen Berichtes
einnimmt: er will darin nur Legende erblicken.
Dafür reichen seine Beweisgruppierungeir entfernt
nicht zu. Es zeigt sich an diesem Fall wieder
aufs deutlichste der aprioristische Zug dieser sog.
höheren Kritik. Den Grundsatz bildet der Aus-
spruch: „die kritische Auffassung verbietet, in ihr
ein historisches Faktnui zu sehen". 1 S. 3. — Nun
warum denn? Da stehen wir dann rurmittelbar
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