Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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vor dcr Grundvoraussetzung der voraussetzuugs-
loseu Wissenschaft, dein Glauben, daß das Ab-
solute der Natur immanent sei, jedenfalls ihren
Gesetzen ohnmächtig gegenüberstehe.

So mußte natürlich die Entstehung der „Le-
gende" und ihre nachträgliche Einverleibung in
das Evangelium angenommen bezw. der Nach-
weis dafür versucht werden. Und da die „Le-
gende" sich zusammensetzt aus „Stern" -s- „Ma-
gier", so sucht inan die Vorgänge für jede dieser
beiden Koniponenteu in dcr orientalischen Lite-
ratur. Der Verfasser vertritt, um es kurz zu
sageir. die Ansicht, welche vor ihm Albrecht
Dietrichs und E. Rsville ausgesprochen haben,
daß die Magier als Mithrasdieuer anzusehen
seien und daß demgemäß der tiefste Sinn der
„Legende" eine Begegntlng des Mithrasdienstes
mit dem Christentum zum Inhalt habe, ja daß
ihre Entstehung mit dem Zuge des Partherkönigs
Tiridates zu Kaiser Nero vielleicht in Verbindung
gebracht werden könnte — Auf die Frage, warum
dairn das Evangelium diese Magier nicht einfach
Mithrasdieuer nenne, wie sie ja auch sonst in
der frühchristlichen Literatur ungescheut genannt
werden, hat der Verfasser die verblüffende Ant-
wort, „daß man ebeir nie gerne seinen Kon-
kurrenten mit Namen nenne" (S 9). — Mail
sieht, der Verfasser ist trotz seiner Ablehnung der
Historizität mit eiitem starken Glauben ausgerüstet.

Es wären kleinere Ausstellungen in größerer
Anzahl zu machen; doch ist hier nicht der Ort
dazu. — Nur auf die Ergebnisse der literarischen
Untersuchung, zusammengestellt S. 35/36 und
S. 45/46, sei hiugewiesen. Diese ist für die
Aufhellung der verfchiedenen Hauptgedanken des
Festes, die allmähliche Entstehung und ver-
schicdentliche Betouriitg der einzelnen Züge, die
Namenentwicklung, Dreizahl. Königscharakter,
Sternmotiv u. dgl., uon ganz außerordentlichem
Werte. Der Verfasser verdient für die sorg-
fältige und mühevolle Arbeit, die er hier ge-
leistet hat, vollen Dank. — Zn S. 57 sei die Be-
merkung gesiattet, daß eine Monstranz mit der
„geweihten" Hostie im 11. Jahrhundert unmög-
lich ist.

Der zweite Band gilt nun dem Nachweis der
künstlerischen Ausprägung jener auf dem lite-
rarischen Gebiete nachgewiesenen Bewegungen.

Der Verfasser stellt hier unter Darbietung
eines sehr respektableir und guten Bildermaterials
(348 Abbildungen!) eine stattliche Reihe von
„Typen" heraus, die sich jeweils besonders charak-
terisieren und voneinander unterscheiden: den hel-
lenistischen Typus, den südgallischen, Monzeser,
orientalischen Typus, den syrisch-byzantischen
Kollektivtypus, den karolingischen /hellenistisch!),
frühmittelalterlichen Typus, französischen Schau-
spieltypus usf. bis herauf zum Kölner Dombild-,
Rogier-, Schongauer-, Schauspieltypus des deut-
schen, des niederländischen Quattrocento, endlich
Dürer.

Kehrer ist überzeugt von der Richtigkeit der
bekannten These Strzyaowskis von dem Ur-
sprung der christlichen Kunst in der hellenistischen
Kulturwelt. — Eine gewisse Stütze für seine These
von der Verbindung des Begriffs [i&yoi mit
Mithraspriestern scheint wirklich darin zu liegen.

daß die formalen Vorbilder der einschlägigen
Katakombenbilder aus der mithräischen Kunst ent-
nommen wurden. — Auch verdient hervorgehoben
zu werden, daß Kehrer „vom Standpunkt des
Historikers" die Wilpertsche Datierung des be-
rühmten Bildes in der Capella graeca (Ende
des 1. bezw. Anfang des 2. Jahrhunderts) nicht
zugeben will, en>sprechend seiner Hypothese über
die Entstehuugszeit des „Dreikönigsberichles"
beim hl. Matthäus. — Interessant ist dann der
Nachweis, wie in Rom die Verlegung der Ge-
burtsfeier vom 6. Januar auf 25. Dezember sich
auch in der Kunst widerspiegelt in der Sonderung
der Szenen und der Altersdifferen; des Jesus-
lindes. — Im übrigen geht der Verfasser auch
hier wieder aufs peinlichste allen Einzelmotiven
nach: die Proskynese, die Dreizahl, Sternengel
und Sternmotiv (Zeigen auf den Stern), die
drei Magier als Vertreter der drei Lebensalter,
der drei Weltteile (mit Einführung des Mohren-
königs), das Hereiuwirken der Legende Johanns
voir Hildesheim.

Zu S. 21 sei angesügt, daß man von „an-
betcnden" Tieren nicht reden kann. — Der Druck
ist sehr sorgfältig, die Illustrationen vereinzelt
zu klein, im allgemeinen aber sehr gut. Tie
Ausstattung ist durchaus vornehm.

Tübingen. Prof. Dr. L. Bau r.

Hiezu als K u n st b e i l a g e:

Zwei f a r b i g e T a f e l n zur Paramentik-
frage.

Annoncen.

Mm 15. November erschien:

Die

Hannoverschen Bildhauer
der Renaissance

von

Karl Schuchhardt.

Herausgegeben von der Stadt Hannover.

40-Band mit 2 farbigen, 48 Lichtdruck-
tafeln und mehreren hundert Autotypien
und Wappenzeichnungen mit 174 8. Text,
eleg. in Lwd. geb. 12 M.

Der Name des bekannten Archäologen
Prof. Dr. Schuchhardt, Direktor des
Museums für Völkerkunde in Berlin, bürgt
schon allein für die Bedeutung des Werkes,
das auf Kosten des Magistrats hergestellt
ist und daher zu einem unverhältnismässig
billigen Preise abgegeben wird. Da nur
wenige hundert Exemplare gedruckt sind,
dürfte das Buch bald zu den literarischen
Seltenheiten zählen.

Interessenten sind Künstler,Kunstfreunde,
Lehrer, Sammler, Museen, Bibliotheken.
Durch jede Buchhandlung zu beziehen.
Hochachtungsvoll

Hahnsche Buchhandlung
in Hannover.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksbtatt".
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