Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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Die Harbe in der paramentif.

Von H. Stummel, Kevelaer.

(Fortsetzung.)

Diese Erkenntnisse int einzelnen, das
Verständnis für schöne gestimmte Farbe
an und für sich, führt naturgemäß dazu,
d i e Far b e n zu g r Up p ie r e n zu großeli,
lnalinigfaltigeli Wirknilgen. Die Natur
zeigte an der Frühlingswiese, wie man
einen weich gestimmten grünen Grund
niit vielerlei frischem Weiß, Gelb, Blau,
Rot in feinen Forlnen und Ranken be-
ziehen konnte, und wie ans den: dunkeln
Nachthimmelblail mit dem Silber des
Mondes und dem Gold der Sterne
königliche Pracht zu schaffen niöglich sei.
Und bei dem fürstlichen Purpur ntilderte
nian feinen Ernst mit dem Goldsallin lind
der Farbenschönheit weicher Halbtöne. Der
wie von Feuer Ulnlohte Abeudhimmel lehrte,
den Scharlach mit Silber und feinen
graugriilien Mitteltönen, granblanell Hel-
ligkeiten und fast schwarzem Indigo zil
bändigen nnb zu schmücken. Die Ver-
klärung aller Farbe zu lebensvoller Wir-
kung zeigte die Sonlie und fand sich im
Gold, das dann ben Gipfel der durch
Menschenhand möglichen Farbenkunst be-
zeichlieie und sieghaft seine Wunderkraft
bewahrt hat durch die Zeiten.

Hatte so das Menschengeschlecht zuerst
Farbe gefuliden, seine Stoffe zu färben,
immer neue Weisen erfunden, sie stärker,
echter zu bereiten, sie abzutöneli imö immer
mehr mit der Farbe in der Natur, der
lichtdnrchglühten, der von Dänuuerung ge-
brochenen, gleich zu stinnnen, so teilten sich
natnrgeniäß diese Errnngenschasten bann
allen Fortschritten mit, die der Mensch
ans dem Kultnrwege machte, bis es eine
Stoffweberei, Teppichknüpferei, Stickerei,
Mosaik, Glasmalerei, Goldschmiedekunst
im Verein mit Emailliertechnik und alle
anberen Kunstgewerbe gab, die der Farbe
nicht entraten könnell. Es geht durch
d i e I a h r t a u s e li d e eine Tradition
der Farbenüberei n st i m m n n g, die
sich handgreiflich nnb augenscheinlich Nach-
weisen lägt all all ben Gegenständen, wie
sie die Neuzeit durch Ausgrabungen nnb
Aufstöbern an all jenen vom Sande der
Wüste oder nont Staube der Jahrhunderte
verschütteteil Orlen an das Licht bringt.
Die Anerkennnlig und Befolgung des

Farbeliprinzips, das Rot allein als Farbe
gelten läßt, ihm den Tenor im Farben-
chor einränmt, zu deiil der gestimmte, je
nach dein Zweck, der Art des Gegenstandes,
deul Material, s a h n e f a r b i g e (Wolle,
Seide), grünlich-gelbliche (Glas),
elfelibeilifarbige (Mosaik) Tou des
Weiß den Sopran, Gelb, Blau, Grün,
Violett die mittlere Stiulme, und Schwarz
in brauner oder blauer Tönung, also auch
gestimmt, warlil oder kalt, den Baß bildet,
ist das offene Geheimnis der geineinsamen
Farbenschönheit im alten Kunstgewerbe.

Eine Vereinigung von Kunstwerken und
kunstgewerblicheil Gegenständen aller Art,
aller Zeit, bis zur Schwelle unserer Epoche in
ihrer überraschenden, wohltuenden Farben-
übereinstimmung nnb -Wirkung ist der über-
zeugende Beweis dieser einmütigen An-
erkennung eines großen, erprobten Prinzips.
Alle diese verschiedeliartigen Dinge, vo»l
farbenleilchteilden Gemälde, bein in geo-
metrischem Formen- und Farbenrhpthmns
prangeilden Teppich, der im Toilreiz
schimmernden bestickten Seidendecke bis zn»l
kleüieli Emailbilde im Goldgesüß verbindet
ilntereinander die eine Grnndgesinnnng,
das Auge zll beglücken in der Schönheit
und Wärme des einzelnen Tones und der
Harnionie aller Töne untereinander.

Schon Jahrtausende vor Christus war
nach nnb nach die Kunst der Färberei ent-
standen. Jul Alten Testament entrollt
sich ein farbenreiches Bild beim Anhören
der Vorschriften, die Gott bem Moses gibt,
als er das heilige Zelt bauen, die Ge-
wänder der Priester anfertigen lassen soll.
Gold, Elfenbein, Hyazinth, Purpur nnb
Weiß vereinigen sich, um Glanz nnb Hoheit
der heiligen Stätte zu verleihen. llnD die
höchste Kultur der Griechen und Römer
trägt dieselbe Farbe, auf gleiche Weise enl-
standen, wie die Natur sie die ersten farben-
frohen Menschen gelehrt. Man wird sich
auch der Techilik des Färbens, ihrer
Wirkungen bewußt, schreibt darüber, und
so berichtet Pliniils I von der Färbe-
weise seiner Zeit nnb daß dieselbe schon
danlals uralt geweseil sei.

3. Neuzeitliche Forschllllg nn b ihr

Einfluß aus die Paramentik.

So stark war die Färbeweise in ihrer

;) Plinius, Hist. nat. libr. XXI,
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