Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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Wirkung von Schönheit und Natnr-
ähnlichkeit, daß sie durch die Jahrtausende
hindurch allem Wandel auf allen Gebieten
des Lebens put Trotz blieb, was sie in
der Urzeit geworden, und sich als un-
verbesserlich im besten Sinne erwies bis
vor hundert Jahren. Ein erhabener Ge-
danke, durch eine Tradition, die unserem
äußeren Lebeti alles verlieh, was es schön,
froh, glätizend, ja eigetttlich liebenswert
machte, in engstem Kontakt zu stehen mit
ben Zeiten, da noch die Spur des Schöpfer-
Hauches Gottes über der Erde schwebte!

Seit einem Zentenarinm sind wir, gerade
wir Kulturmenschen, losgelöst morden von
einer ebenso sicheren wie schötien Tradition.
Zwischen uns und die Pietät vor beut Alt-
ehrwürdigen hat sich die Wissenschaft ge-
stellt. Und da sie die Sonne als Aus-
gangsquelle ihrer Thesen uns vor die
Augen hält, sind wir geblendet und beugen
das Haupt vor ihrer überstrahlenden Helle.

(Fortsetzung folgt.)

Die Ausstellung für christlicheRunst
in Düsseldorf t90ch

Von Prof. Dr. L. Baue, Tübingen.

(Vgl. „Archiv" 1909 Nr. 10 u. 11.)

Wir mußten unsere Ausführungen über
die Düsseldorfer Kunstausstellung etwas
unterbrechen. Setzen wir unseren Gang
durch dieselbe heute weiter.

Wir führten aus, daß das Christus-
bild der Nazarener der unio hypostatica
in Christus gerecht zu werden suche und
mit äußerster Ehrfurcht und Frömmigkeit
behandelt sei.

Es ist nicht nötig, zum Beweise desseil
auf die große Anzahl von religiösen Bil-
dern, speziell Christus- und Madonnen-
darstellnngen, hinznweisen, welche die Düs-
seldorfer Ausstellung zierten. Ter einzige
Rannt 4, der die kostbaren Handzeichnnn-
gen und Aquarelle Joseph v. Führichs
birgt, die übrigen Säle mit Werkelt voll
Steittle, Overbeck, Schnorr voll Carols-
feld, Müttrop, Ittenbach, Karl Müller,
Deger und vielen altdern leget! davon rühm-
lichstes Zeugnis ab. Diese Kunst ist volks-
tümlich, weil sie kiridlich fromm ist; weil
sie fromm ist im ultverfälschten, einfachen
Geiste des katholischen Volkes, weil sie
nach Inhalt und Form klar und einfach
ist. Sie wird auch noch volkstümlich

sein, wenli vort den heutigen Koryphäen
niemand mehr sprechen wird.

Hatten die Nazarener urid ihre Schule
das Göttliche und speziell das Christus-
bild mehr voll der Seite des Gemütes uitb
Gefühls — aber durchaus unter Respek-
tiernllg der doglnatischen Grnlidlage zu
entwerfelt gesucht, so hebt die Beuroner
Schule lnehr das rein Dogmatisch-
liturgische hervor. Wer die prächtige
Schrift von ?. Ansgar Pöllmann
(über die hieratische Kunst) geleseit hak,
der wird die Eigellart dieser Kulistrichtung
zu schätzen wissen. Man wird freilich
nicht verkelinen, daß gewisse Gefahrei!,
delien sie ausgesetzt sein kanll, achtsam
im Auge zu behalten sind. Diese süld:
die Gefahr, allzusehr in Abstraktionen sich
zu ergeheli imb durch zu weit gehelide Stili-
sierung die Fühlung mit dem realen Leben,
lnit der Natur zu verlieren.

Aber ein unbestrittenes hohes Verdienst
ist den Beuronern zuzuerkennen: ihre
Knlist hat wieder hiligewiesen auf die
nllvcrsieglichen Qnellelt katholischer Kir-
chenkunst, ans Hl. Schrift, Liturgie, Theo-
logie und Mystik. Sie hat einem ein-
seitigell külistlerischelt Subjektivismus ben
objektiven Charakter des Göttlichen, Hei-
ligen und Religiöselt gegenübergestellt.
Sie hat es der Neuzeit energisch ins
Gedächtnis zurückgerufeli, daß „nur die
eilt reiltes Herz haben, Gott anschauen",
daß Keuschheit, Strenge, Glaubensfestig-
keit notweltdige Bedingungen für die
katholische Kircheliknlist sind. Sie hat
bem Programm einer exzessiven Un-
gebrilldellheit ein Prograliiln der Zucht
gegeliübergestellt. Wer sich damit nicht
zurechtfilldet, wird nie zum Verständnis
der Beuroner vordriligen.

Darnln hat die Beuroner Kunst auch
eilten geschlosselieli Charakter, der auch
formal in der Zucht und Haruionie der
Maße zullt sichtbaren Ausdruck kommt.

Die Christusfigur von Beuron, ob nun
der Gekreuzigte dargestellt sei, oder ob
wir ben Herrn in irgend einer biblischen
Begebenheit finden, oder ob er in der
Glorie als Salvator oder Weltenrichter
wiedergegeben sei, ruft immer das Be-
wußtsein hervor: „Wahrlich, dieser ist
Gottes Sohli." Frömniigkeit, Ehrfurcht,
Anbetung, Liebe sind die Stimntungen,
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