Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 17
DOI Heft: 10.11588/diglit.16250.9
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16250.12
DOI Seite: 10.11588/diglit.16250#0031
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1910/0031
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
17

welche die Künstler bei ihrem Werke be-
seelen.

Wir nehmen gerne die Gelegenheit wahr,
an dieser Stelle die Bemerkung einzu-
flechten, daß der von uns im „Archiv"
1909 Nr. 8 behandelte Christus, den
Hugger in. Rottweil gearbeitet hat, nach
Zeichnungen der Veuroner Künstler au-
gefertigt ist. Er hat deshalb mit Recht
seinen Platz in der Abteilung der Beuroner
Schule gefunden.

3. Gerade das aber ist es, was wir so
oft schnierzlich vermissen, wenn wir die
Christusdarstellnngen der modernen, zum
Teil auch der katholischen Malerei be-
trachten. Es möchte wohl die Mahnung
am Platze sein, unsere katholischen Meister
möchten sich doch nicht zu sehr von den
protestantische» Künstlern bezüglich der
Christusanffassung und der Auffassung der
Heilsgeschichte ins Schlepptau nehmen
lassen und sich darauf beschränken, Christus
als eilten etwas sentimental ausgefaßten
Sünderfreund mit einem Stich ins Pie-
tistische öarzustellen. Die Gegensätze liegen
in Tat und Wahrheit viel tiefer!

Vor etwa IO Jahren veranstaltete Konsul
Theodor Vierck eine „Christusaus-
stellung". Es waren Franz Stuck, Ferd.
Brütt, Artur Karnpf, Karl Marr, Gabriel
Max, F. Skarbiua, Haus Thonta, Uhde,
Ernst Zimmermaun darin vertreten. Die
Künstler selbst sprachen sich damals über
ihre Tendenzen und Gedanken ans. Es
ist höchst lehrreich, daran zu erinnern:

Ferd. Brütt schrieb: „Christus erscheint
auf dem Bilde als der A ll b a r m h e r z i g e, der
dem gläubigen Menschen besonders in Not und
Krankheit nahe ist, der ihm in alten Fährlich-
keiten den höchsten Trost verleiht und neuen
Blut zuspricht, wie es eben nur der Gottessohn
vermag. Da habe ich denn versucht, ihn
menschlich möglich st nahe zu bringen
und doch wiederum in der malerhchen Behand-
lung des Motivs das Porträtartige mög-
lichst vermieden.der ernste, gewisser-

maßen mitleidsvolle Ausdruck seines ruhigen
Antlitzes möge ben Eindruck seiner göttlichen
Sendung widerspiegeln."

Prof. Gabriel Max: ... „Damit er nicht
wirkt, als wäre er dem Maler Modell gestanden,
deutete ich eine Handlung an. Alle Symbole und
Allegorien habe ich weggelassen. Hohen Ernst
mit Milde und Reinheit verbunden, wie sie einem
alles und alle durchschauenden Gottmenschen
eigen sein müssen, strebte ich darzustellen."

Ernst Zimmer mann: . ..„Jetzt handelt
es sich darum., gleichsam das Bildnis des Er-

lösers zu malen. Das kam mir als eine Auf-
gabe vor, der ich mich nicht gewachsen fühlte;
doch habe ich es gewagt.

Ob es mir gelungen ist, einigermaßen einen
Mensche n zu schildern, Lessen SeeleGott
ist? Ob aus diesem Gesicht Hoheit und Milde
sprechen? Ob sich darin strenger Ernst mit all-
umfassender Liebe vereinigt, wie ich es anstrebt.e?"

Wir haben diese Aenßertingen hieher
gesetzt, weil sie zeigen, wie sehr der Künst-
ler mit dent Problem der Christusdar-
stellung zu ringeu hat, der das Göttliche
nicht einfach ignoriert. — Alle übrigen
Maler bekannten sich grundsätzlich zu der
Lehre von der bloßen Menschlichkeit Jesu.

Wir haben kein Porträt von Jesus.
Darunt ist jede Darstellung Christi eine
subjektive Rekonstruktion, ein künstlerisches
Glaubensbekenntnis. Darunt ist das ein-
zelne Bild auch das Ergebnis bestimmter,
int Künstler wirksamer Faktoren, denen
er Eingang in seine Seele gestattet.
K. Kühner nennt vier Dinge, die uns
die Wandlungett des Christusbildes im
19.--20. Jahrhundert erklären sollen:
1. die jewetls herrschende Kunstrichtung
und Technik; 2. dieTheologie und die
mit ihr im Zusammenhang stehende reli-
giöse Slinlmuug; 3. die politischen und
sozialen Verhältnisse und Bestrebungen,
utid 4. die Nalionaliläk und die Eigenart
der künstlerischen Persönlichkeit *).

Für den katholischen Künstler ist die
Forderung nicht zu umgehen, daß seilt
Glaubensbekettntnis au Christus auf dem
Felsgrunde des katholischen Credo stehe,
un.versülschk und uttgebrocheu.

Zum Verständnis des heutigen Christus-
bildes müssen wir uns kurz erinnern, wie
ans die der routantischen Kulturwelle ent-
stiegene Kunst der Nazarener seit etwa
30 Jahren eilte historisch-naturalistische
Richtung folgte, die auf möglichste ge-
schichtliche Treue in der Darstellung Wert
legte, zugleich mit kulturgeschichtlicher Orien-
tierung (veristtsch-ethnographische Schule).
Piglheim, Zimnternlnun, Munkacsy, Tissot
u. a. gehörett hieher. — Diese wurde
dann begleitet und abgelüst durch die
pleinairistische französische Richtung, die
alles auf Jntpression abstellt und in der

*)K. Kühner, „Das Christusbild in der bil-
denden Knnst der Neuzeit" in „Deutsches Christen-
tum" IV (1909) 17, vgl. dazu K. Kühner, „Bon
Overbeck bis Fahrenkrog" in „Christi. Kunstbl."
1909, Nr. 0.
loading ...