Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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Farbe, Fläche und Beleuchtung das Wich-
tigste seheu möchte.

Theologisch betrachtet, steht nahezu die
ganze protestantische Künstlerwelt auf dem
Standpunkt der modernen negativen Exe-
gese und Vibelkritik. Sie sehen in Jesus
den bloßen Menschen, das Johannes-
evangelium als Stoffquelle wird abgelehnt
und nach Abzug der Wunder Jesu etwa der
Bericht des Markusevyngeliums zugelasseu
und mit etwas sozialer Note bedacht.

Wenn wir die neuzeitlichen Christus-
bilder betrachten, so spiegeln sich auch in
ihnen die neuzeitlichen Kampfe uni die
Person Jesu Christi wider. Und um es zu
gestehen: es will auch vor den Bildern katho-
lischer Künstler unter diesem Gesichtspunkt
nicht eine allseitige Befriedigung anskommen.

Feld mann hat seine heilige Familie
ansgestellt, ein hübsches Bild, das sich als
religiöses Familienbild qnt eignen würde: eine
deutsche Stube und Werkstatt, in welcher St. Joseph
arbeitet. Maria aber unterweist den Jesus-
knaben, der sich fragend an sie gewandt hat.
Große breite Gewandbehandlung und weiche
Farben. — Die Auffassung Jesu und der heiligen
Familie ist mehr realistisch als fromm, ganz in
der Art Gebhards gehalten; jedoch ist sie nicht
unwürdig — erscheint aber auch nicht recht tief
unb warm empfunden.

Röbers „Ruhe aus der Flucht", ein religiöses
Idyll! Die Idee nach der Art Dürers und
anderer: Maria und Joseph mit dem göttlichen
Kinde auf der Flucht in einem Walde rastend, von
einem leuchtenden Kranze von Engelein umgeben,
die ihren Reigen aussühren. Gleichfalls als reli-
giöses Hansbild zn verwenden. Für die Kirche
wäre dieser Stoff zu sehr Idyll.

Ein viel umstrittenes Bild ist „Christus im
Reich der Toten" von Skovgard, ein Visions-
bild in gelben, grauen und gelbbraunen Farben
und mit nicht in allen Einzelheiten ganz ver-
ständlicher Symbolik. — Trotz allem, was ab-
stoßend wirkt, ivie z. B. der matte graue Geiamt-
ton, die nackten Leiber, kann man dem Bilde
doch nicht einen großen Zug, rroch arrch tiefe
Empfindung absprechen. C h r i st u s a l s S i e g e r
über Tod und Sündenknechtschaft und Elend ist
das Thema. Der Herr von edler Männlichkeit
im Strahlenlicht, weiß gekleidet, schreitet über
Schlangen und Totenköpfe hinweg, Befreiung
uub Leben kündend, den Seelen in der Vorhölle
entgegen, ihnen die Arme weit ausgebreitet ent-
gegenstreckend. Vor ihnr kniet ein Weib — wohl
Eva — von ihren Haaren bedeckt, die ihm sehn-
süchtig ihre Arme entgegenbreitet; hinter ihr
lauter nackte, graue Gestalten, die sehnsüchtig
demHerrn entgegenschauen und entgegenstreben. —
Was an dem Bilde besonders heraustritt, das
ist der große Zug der Linienführung und die
Intensität des sehnsüchtigen Verlangens nach
Christus. Was an ihm abstößt, das ist die Form,
welche der Künstler wählte.

Rein menschlich ist das in pastös breit auf-
gesetzter Malerei ausgeführte Christusbild von
Fahrenkrog „Jesus und das Kind". Man
könnte es ebensogut bezeichnen mit: „Der unter-
suchende Augenarzt". Jesus eines der vor ihm
stehenden Kinder zwischen beide Hände nehmend
und dem Kinde starr in die Augen blickend.
Jesus sowohl als das Kind mit einer Art grau-
weißem hemdartigen Gewand bekleidet. Den
Hintergrund bildet eine blumenbesäte Wiese mit
zwei einzelnen im Gebüsch versteckten Häuschen. —
Das Bild ist virtuos gemalt, mit herrlichen Licht-
und Farbenwirkungen; erhöbe es nicht den An-
spruch darauf. „Jesus und das Kind" zu
heißen, so wüßte ich nicht, was daran auszusetzen
wäre. — Fahrenkrog hat sich seinen eigenen
Christus zurecht gemacht: einen bartlosen Ueber-
menschen von rücksichtsloser Energie.

Ein zart und fein empfundenes Bildchen ist
„Maria mit dem Kinde" von Mathilde
Klock-Niendorfs. Die Malerin scheint ein
gutes religiös-lyrisches Talent zu besitzen und
das nötige Gefühl für religiöse Weihe und Würde
zu haben.

Eigenartig ist „Christus a uf d e in M eer e"
von Titcomb. Es hat aber mehr künstlerische
als religiöse Qualitäten. Jesus ist als eine Art
Lichtvision dargestellt, wie er auf dem Meere
wandelt, das Schisfleiit der Apostel, das Vorwärts-
treiben der Ruderer, die mächtige Anstrengung
— und das Erstaunen der Scbisfsinsassen ist
ganz großartig iviedergegeben. Darauf hat der
Maler offenbar den Hauptwert gelegt.i

Ter C h r i st u s von Pohle in dem Bilge
der „Z ins g ros ch en" ist ein geivisser Rück-
schritt wegen seines fanatisch durchbohrenden
Blicks, zn welchem das offenbare Bestreben, ihn
hoheitsvoll, über List und Lug erhaben zu geben,
mißlungen ist. Sonst eine edle Figur!

„Ave Maria" von Gottfried Eckhard
wahrt mehr den Zusammenhang mit der Tradition
und ist poetisch empfunden. Maria auf einem
Throne sitzend, von betenden, musizierenden,
psallierenden Engeln umgeben — auf blumigem
Rasen, der von einer Marmorbalustrade ab-
geschlossen ist: alles in lebhaften Farben.

(Fortsetzung folgt.)

lieber blutende INadonnenbilder.

(Nachträge zuGageurs„Mariavom Blute".)

Von Or. A. Clavell, Wetten.

V. Das S ch r e z h e i m e r F n penc e-
a l t ä r ch e n u 11 b fein M advu neubild.

(Schluß.)

Die bisher erwähnten Blntwnnder finb
nur von Gemälden berichtet. Die Aehn-
lichkeit zwischen dem Schrezheimer und
deul Neukirchener Madonnenbild springt
in die Angen uub läßt vermuten, daß
unsere Tonfignr eine Kopie der ans
Holz geschnitzten Nenkircher Madonna ist.
Erst neueste Forschungen haben die Ana-
logie zur Gewißheit erhoben.
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