Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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I^IO.

Einiges über Gewölbeschlußsteine.

Von Dekan Reiter, Vollmaringen.

Wir haben uns von den Gewölbe-
schlußsteinen („Archiv", Jahrgang 1901,
Heft 8) verabschiedet mit dem Hinweis
ans den Satz Kreusers, daß die Schluß-
steine im Laienschiff unbedeutend seien,
im Chore aber an Umfang und Schmuck
wachsen, bis sie am Altäre im Oberchore
ihre höchste Größe und Schönheit erhalten.
Ist dieser Satz richtig? Das Material,
das uns zu Gebote stand, hat zu keinem
ganz sichern Resultate geführt. Cs gibt
Kirchen, bei denen die Schlußsteine im
Chor größer sind als im Schiff, z. B. bei
der Stiftskirche zu Tübingen; aber auch
solche Kirchen gibt es, bei teilen das
Gegenteil der Fall ist. Einen iuteressaulen
Beleg hiefür liefert die Kirche Notre
Dame in Paris, wo die Schlußsteine
im Schiff die im Chore an Größe und
Schönheit übertreffen. In Dießen, OA.
Haigerloch, zeichnet sich der Schlußstein
über dem Hochaltar vor den andern
Steinen des Chores an Größe aus.
Aehnliches glauben wir in Wildberg,
OA. Nagold, beobachtet zu haben.

Daß die Form oder Gestalt der Gewölbe-
schlußsteine eine mannigfaltige sei, haben
wir schon in einem früheren Aufsatz er-
wähnt. Wir treffen die Kreisform, den
Vierpaß und den Dreipaß ch. Etwas Auf-
fallendes haben jene Schlußsteine, bei
welchen Figuren über die Fläche des
Steines hiuausrageu, wie wir neulich
solche im Münster in Straßburg und in

’) Balingen, evangel. Kirche: verschiedene
Formen.

der Sakristei der hochinteressanten Floren-
tiuskirche zu Niederhaslach im Elsaß
gesehen haben. Eine vertikale Erwei-
terung der Schlußsteine in der Weise,
daß sie den Stalaktiten ähnlich werden,
kann namentlich in England, in der Nor-
mandie und Bretagne beobachtet werden.
Solche Stalaktitengebilde .ermüden aber
das Auge, zerstören die Einheit des
Innern und sind deshalb zu verwerfen.

Bei kleinen Gewölben sind die Schluß-
steine regelmäßig einteilig (männliche
Steine), selten (z. B. in der Elisabethen-
kirche zu Marburg) zweiteilig (weibliche
Steine). Das Material, aus welchem
sie geformt sind, ist meistens Stein; doch
kommt auch Holz, Stuck und Gips zur
Verwendung (Gipssteine in der Kirche
zu Vollmaringeu).

Bezüglich der Richtung der figürlichen
Darstellungen kann mau die Wahrneh-
mung machen, daß der erste Schlußstein
im Chor über dem Hochaltar gegen das
Langhaus, und die übrigen Schlußsteine
gerne gegen den Hochaltar gerichtet sind.

Sehr beachtenswert ist die Reihen-
folge der Figuren. Rach Schönhut (Die
Kirchen und Kapellen der ehemaligen
Deutschordensstadt Mergentheim) gab der
Komtur Adelmauu von Adelmauusseldeu
in den Jahren 1508—1510 seine Ein-
willigung zum Vau einer Kapelle in
Mergentheim, zum Lobe des Allmächtigen,
zu Ehren der Jungfrau Maria, insonder-
heit dem hl. Wolsgang zu Ehren. Aehn-
lich heißt es auch allemal in den anderen
Eiuwilligungs-, Eiuweihuugs- und Stif-
tungsurkuuden. Zuerst wird meistens die
heilige Dreifaltigkeit, Gott oder der Er
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