Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 23
DOI Heft: 10.11588/diglit.16250.16
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16250.17
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16250.18
DOI Seite: 10.11588/diglit.16250#0037
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1910/0037
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
eine Allegorie sein und an die Schmach
erinnern, welche den Weibern ehedem von
den Ungarn ist zngesügt worden. Ob
die Steine wirklich in solcher Weise
Klage führen? Wenn man dieselben
genau betrachtet, und überdies noch das
Antlitz über einem Eingang in die
Marienkirche 511 Reutlingen in den Kreis
der Betrachtung zieht, so will einem die
Vermutung kommen, es könnten die
fraglichen Bilder dem Mednsenhanpt
nachgebildet sein, wie wir ein solches
auch einmal an einem Garteneingang
iit Gmünd wahrgenommen haben. Wem
eine solche Vermutung zu gewagt er-
scheinen würde, der möge wohl bedenken,
daß manche, dem Vorstelluugskreis der
Alten entstammende Anschauungen im
christlichen Gotteshaus zur Darstellung
gebracht worden sind: die Sibyllen in
Ulm, Colmar, Mergentheim usw.;
die Sirenen ans einem Gewölbeschlnß-
Iteiil des Münsters in Salem (swaz
diu syrene trügesam versenken wil
der schiffe mit sueczer doene griffe).

Im Salemer Münster finden sich ans
einem Schlußstein im nördlichen Seiten-
chor auch die hl. drei Könige abgebildet.
Nördlich von denjelben zeigt der Schlnß-
stein eine Taube (oder einen Adler).

Der Hl. Geist galt im Mittelalter als
Stifter d.s römischen Kaisertums und,
allgemein ansgefaßt, als Stifter des
monarchischen Staates. Da die hl. drei
Könige Vorbilder der christlichen Monarchen
sind, so tonnten die Darstellungen ans
beiden Gewölberosen gilt in Beziehiiiig
ziieinauder stehen. (Schluß folgt.)

Zur Bucheinbandfrage.

Voir Prof. Dr. I. Rohr in Strcchburg.

(Fortsetzung.)

Daß dabei Fehler gemacht werden kön-
nen und gemacht wurden, braucht hier
iiicht verschwiegen zu werden. Aber was
die Ausstellungen au neuen Arbeiten und
die.. Fachschriften an Abbildungen voll
solchen oder Entwürfen für solche bisher
geboten haben, das läßt Gutes hoffen.
Klingt auch da Gotik und dort Barock,
das einemal Reuaissaiice, das auderemal
Rokoko, hier Pankok uitö dort Obrist an,
so ist doch ein deutlicher Ziig von Selb-

ständigkeit nicht zu verkennen, und für
die Zukunft darf man sich weiteren Fort-
schritt versprechen.

Worin liegt das Gute?

Vor allem in der E b r l i ch k e i t.
Pappe ivird als Pappe, Leinwand als
Leinwand und Leder als Leder behandelt.
Mail sucht nicht iilehr mit Pappe Effekte
zu erzielen, welche bem Leder, und nur
ihm eigeil sind; weiß dagegen recht wohl
der Pappe Vorzüge abzugewinneil, die
eben nur sie hat; ähnlich ist es mit Lein-
wand und Leder. Dabei ist durchaus
noch keine Monotonie zu fürchten. Durch
geschickte Zusammenstellung der Farben
bei Pappebänden, durch Wechsel im Kolorit
bei Leinwand bezw. Samt und Seide und
bei Leder, diirch Konlbinatiou voll Pappe
und Leinwand re. mit Leder (Lederauf-
lagen) oder Pergaiiient, diirch Ailwendung
von Stickereien bei Leinwand und Seide,
von Schiiitt, Brand uub Haudmodellie-
rnng bei Leder, durch Kombination voll
Blind- und Golddruck ist viel 31t erreichen.
Das Leder insbesondere läßt alle Nüancen
der Färbiing zil: natürliches Grau oder
Braun bezw. Weiß, bleiches wie intensives
Rot, verschliffenen Goldglanz, Blau,
Grün rc. in allen Abstnsungen uub Tönen.

Eine weitere Forderung ist die der
Einfachheit. Die vorgetänschten Al-
täre, Heiligengalerien, Kirchenfassaden rc.
iilüssen vom Buchdeckel verschwinden bezw.
sind verschwunden. Das Ornament soll
Ornament bleiben und die Grenzen seines
Machtbereichs iiicht überschreiten. Trotz-
deul braucht Einfachheit noch iiicht Eiu-
förinigkeit und Langeweile zu werden.
Mit wenigen Motiven, also konkret ge-
sprochen, mit wenigeil Stempeln läßt sich
bei geschickter Kombination uub dezenter
Verteilung reiche Abwechslung erzielen.
Die neuere Richtung sieht es geradezu
darauf ab, und insbesondere die Schulen
siichen es zii erreichen — uub schon im
Interesse der Sparsamkeit, aber auch des
guteil Geschmacks ist ihnen dabei der beste
Erfolg zu wünschen —, daß der Arbeiter
bei ein und demselben Einband mit mög-
lichst wenig Stempeln auskoninit. Bei
geschickter Einteilung der ganzen Fläche,
passeilder Verteilung der Ornamente, ver-
ständiger Operation mit Farbe bezw. Beize
und Vergoldung läßt sich mit geraden
loading ...