Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 28
DOI Heft: 10.11588/diglit.16250.16
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16250.19
DOI Seite: 10.11588/diglit.16250#0042
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1910/0042
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
28

Koloristen alter Zeit zu sehen sind, die
mit ihren feinen Künstlerfarben im Mischen
derselben, im Unter- unb Uebermalen nnd
Lasieren das Materielle der Farbe ver-
schwinden ließen und ihr eine Seele ein-
slößten, nämlich die harmonische Stimmung.

Der beirrende Einfluß aller jener in
diesen Farbenlehren enthaltenen Rezepte
für die Mischung der Farben, die Zn-
snmmeustelluug der Tapeten mit ihren
Bordüren, der Stoffe in den Damen-
toiletten, hat sich mir zu sehr im pro-
fanen Leben gezeigt und ganz besonders
in der Paramentik gewütet. Der „Kirchen-
schmuck" spricht alleu Trustes davon, daß
Rot Grün erfordere, mib die Befolgung
dieser Regel unter Benutzung der „reinen"
Farben nach der Lehre des Spektrums
macht sich heute noch in vielen furchtbaren
Gewändern geltend. Uebrigeus kann diese
ganze Literatur nur ein unleugbares Zeugnis
einer für alles Kunstentpfinden, besonders
jedes Farbengefühl, ertöteten Zeit fein, in
der selbst ein Maler wie Cornelius nach
dieser Seite hin versagte nnd unter gänz-
licher Verkennung der Bedeutung der Farbe
den Kontur als den Träger des Gedankens
in die erste Linie stellte. Es drangen aus
dem Wust dieser Farbeutheorieu einzelne
Aussprüche in das Knnstgewerbe hinein,
die, wenn sie befolgt wurden, so häßlich
wirken konnten, wie sie wollten, doch als
das Wahre angenommen wurden, iveil
sie eben m i s s e u s ch a s t l i ch waren. Als
Grundbedingung für die Farbenharmonie
zweier Kontrastfarben galt, daß von beiden
Farben, z. B. von Rot und Grün so viel
znsamrnengestellt würde, daß, wenn man
sie mischen wollte, Schwarz das Ergebnis
sei, ebenso wie dieselben Töne als Licht
Weiß ergeben würden.

Also die Paramentik geriet nach einer
sehr weitherzigen Auffassung in den un-
bestimmt im Grundton, starkfarbig uub
mannigfaltig in Blumen gehaltenenStoffen,
in denen das Barock weit in unsere Zeit
hineinragte, unter die gestrenge Hand wissen-
schaftlicher Forschung und dankbarer An-
nahme der daraus gezeitigten Resultate.
Es entstand ein Grün, ein Violett, das
als umso ki r ch l i ch e r galt, je wissenschaft-
licher es war, d. h. je klarer es den
Komplementär- oder Kontrastfarben des
spektralen Farbeukreises entsprach. Daß

Rot, Weiß, Gelb, kurz, alle Töne, die zur
Ausschmückung der Paramente in Frage
kamen, sich dieser Ansfassung fügen mußten,
liegt in der Natur der Sache. Nach
Jännecke-Chevreul wird (Seite 27 unten
in seiner Farbenharmonie) die furchtbare
Warnung ausgesprochen, daß bei einem
mehr als geringen Zusatz einer dritten Farbe,
welche den Ton bricht, leicht sogenannte
Schmntzfarben, d. h. dem Straßenkot ähn-
liche Mischungen entstehen. Da begreift
sich leicht das wörtliche Befolgen von so
zuverlässigen Regeln für die Zusammen-
stellung reiner Farben, wie sie das
Spektrum aufstellt ohne Rücksicht aus
S t im m n n g, W e i ch h e it, S ch ö nh eit
der Farbe, wie sie Jahrtausende gesehen,
geherrscht und die Höhen der Kultur über-
dauert hatten, besonders wenn an so maß-
gebender Stelle, wie in dem „Handbuch
der katholischen Liturgie" vou I)v. Valeutiu
Thalhofer (Freiburg i. B., Herder 1883)
ausdrücklich dazu verpflichtet wird. Seile
912, Achtes Hauptstück, Von den litur-
gischen Farben §72 steht, daß die Ritus-
kongregation (19. Dez. 1829, 22. Sept.
1637) fordert, „daß jedes Parament eine
für jedermann erkennbare Haupt- oder
Grundfarbe, einen color primarius et
praedominans habe, wodurch nicht aus-
geschlossen ist, daß in Unterordnung unter
diese Hauptfarbe zum Behufe reicherer
Oruamentierung an den Säumen, an
Kreuz unb Säule des Meßgewandes usw.
auch noch andere Farben in Anwendung
gebracht werden, wobei mau aber stets
darauf sehen solle, daß die verschiedenen
Farben sich nicht gegenseitig stören, sondern
zur Hauptfarbe ltnö unter sich komple-
mentär seien und infolgedessen sich gegen-
seitig heben." Und hiezu die Anmerkung:
„Vergleiche über diesen wie für die kirch-
liche Malerei, so auch für die Paramentik
sehr wichtigen Punkt den trefflichen Aus-
satz von Hefele, Beiträge Vd. II, S. 249 ff.,
wo an einer sogenannten Farben-
scheibe v e r a n s ch a u l i ch t wird,
welcheFarben zueinander komple-
mentär sind."

Bei aller ehrerbietigen Achtung vor dem
begründeten Wunsch der Rituskongregalion
kann ein schmerzliches Bedauern nicht
unterdrückt werden, daß zur Befolgung
solch ausgezeichneter Gesetze R e v.o l n t i o-
loading ...