Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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tritt uns hier ein anderer Typus entgegen. Der
Künstler stellt ihn dar als einen Sinnierer und
Grübler. Die linke Hand am Gürtel, in welchem
der Daumen steckt, die rechte Hand schlaff herab-
hüngend — mit einem leeren, starren Blick in
die Weite! Eilt solches Christusbild, wenn es
mehr als es hier geschieht, die Energie innerer
geistiger Tätigkeit und Betrachtung zum Aus-
druck bringt, ist denkbar. Hier ist es aber zudem
verfehlt, weil es nicht in die Szene hineinpaßt.
Auf dem Gang nach Emnus ist Jesus der, welcher
den Jüngern ben Sinn der Heiligen Schrift er-
schließt, sie ihnen klar macht, ihnen von seinen
klaren und bestimmten Kenntnissen und Deu-
tungen niitteilt. Er ist nicht ein weltverlorener
Grübler. —

Birtuos in der Zeichnung, prachtvoll in der
Farbenwirkung, aber manieriert in Auffassung
und Gedanke ist Prglheims »Moritur in
Deo?. Christus am Kreuze, ein Bild edelster
und willensstarker Ergebung, der Körper ist sehr
scharf anatomisch gehalten. — Ein Engel beugt
sich von oben her über den Gekreuzigten und
küßt ihn.

Recht hübsche und würdige Bildchen sind
Beit Hs Madonna (Nr. 967), auch Blanken-
st eins Heilige Nacht, Nüttg ens bekannte
Mariä Himmelfahrt — in der Farbe, wie mir
scheinen will, nicht ganz glücklich — ; auch Lud-
milla v. F l e s ch - B ru u i u g e n hat in ihrem
Christus eine sehr würdige und groß aufgefaßte
Gestalt geschaffen, wie auch ihr Marienbild sehr
sein, warm in der Farbe und liebenswürdig in
der Empfindung ist.

Eigenartig — doch in der Figur Mariens
unbedeutend! — ist Robesteins Madonna
mit der Aehre. Maria mit dem Kinde in
einer Art von Blumenlaube thronend. Land-
leute: Vater, Tochter und Sohn bringen hul-
digend Blumen und zwei Taubem

Wetting hat einen „W erdekampf Jesu"
gemalt, in welchem sich wieder eine andere Seite
des Christusproblems zur künstlerischen Gestaltung
drängt. Die Frage: „hat Jesus einen inneren
Kampf durchgemacht, der aus Zweifeln, lieber- !
Windungen ihn zur Erkenntnis seines Berufes >
und seiner welthistorischen Ausgabe führte)" hat
der Maler mit der rationalistischen protestanti-
schen Theologie im bejahenden Sinn entschieden.
—- Nun kennen wir wohl einen inneren Kainpf
Jesu im Oelgarten. Der war aber anderer Art
und lag auf einem anderen Gebiete. — Aber
die Landschaft, die Wetting wählte, zeigt, daß
er nicht diesen Kampf darstellen wollte, son-
dern, daß es ihm ganz allgemein darum zu tun
ivar, einen auf Zweifeln über sein Leben und
seine Sendung zur Klarheit, aus innerem un-
sicheren Schwanken zur Festigkeit sich durch-
ringenden Christus darzustellen: ein Widerspruch
mit der Tatsache und dem Glauben an die unio
hypostatica in Christus und eine Konzession
an eine rationalistische Erklärung des „Entstehens
des Messiasbewußtseins in Jesus". Die Bilder
Gebhardts, Uh des und Steinhaufens,
unter denen diejenigen von Gebhardt u. E.
die kraftvollsten sind, können wir als bekannt
voraussetzen.

Wir kommen zu unseren bekannteren katho-

lischen Meistern, die aus ihrer dogmatisch rich-
tigen Auffassung Christi kein Hehl machen. Eine
größere Zahl unserer bekannten katholischen
Künstler war leider gar nicht vertreten.

Füget hat ein großes Abendmahl aus-
gestellt. Christus ganz in Licht getaucht, groß
dastehend, segnet das Brot und schaut gen Himmel

— elevatis oculis in coelum beneclixit —
das ist der Moinent, den der Künstler darstellen
wollte. Die Darstellung ist selten und verdient
deshalb umsomehr Beachtung. Es lag ihm osfen-
bar viel daran, die Wirkung des Geheimnisses
auf die einzelnen Apostel zu charakterisieren,
unter denen sich prachtvolle und höchst markante
Gestalten befinden. Wir haben das Empfinden,
als ob dadurch das Ganze als solches zu wenig
zur Gelmng komme, als wäre es zu sehr iu
Einzelheiten zersplittert. Auch der fast starre
visionäre Blick des Herrn will uns nicht ange-
bracht erscheinen.

Die beiden andern Bilder sind Skizzeir von
Fresken für die Ravensburger Stadtpfarrkirche,
die ivir bald ausführlich besprechen werden.

S ch l e i b n er hat in seiner Flucht nach Aegypten
ein eigenartiges Bild geschaffen: die heilige Fa-
milie auf nächtlicher Kahnfahrt; vom Haupte des
Jesuskindes strahlt Licht auf Maria und spiegelt
sich in den Wassern wider.

Baierls Kreuzabnahme ist sehr apart. Maria
im schwarzen Gewand hält Jesu Haupt und Haird.
Vor Jesus kniet in Schmerz zusammengesunken
Maria Magdalena. Johannes lehnt trauernd am
Kreuze. Die Nimben sind rot; — die Farben-
gebung breit, flächig. — Sehr wenig sagt seine
Himmelfahrt zu: die krankhaft aufgerifsenen Augen
der Christusfigur stoßen direkt ab.

Sehr liebenswürdige religiöse Idylle schuf
L ern es in seinem Muttergottesbild — Maria
auf einer Bank in einem Garten und blumen-
besäter Wiese, umgeben von einem Chor inufi-
zierender Eitgel; — ferner in seinem hl. Joseph
mit dem Jesusknaben, während der Künstler in
seinem „Christus vor Pilatus" mehr an alt-
deutsche Kunst anschließt.

Wahls Ruhe aus der Flucht ist gleichfalls
eilt hübsches religiöses Idyll iu warmen Farben-
töiten.

Unter den Werken unserer süddeutschen katho-
lischen Meister findeit wir inanch Erhebendes uitd
Schönes. Aber es möchte gleichwohl zu viel
gesagt sein, wenn man ohne Einschränkung be-
haupten würde, daß sie religiös tief das katho-
lische Herz erwärmen, erfreuen nnb erheben. So
ist zweifellos der Christus von Baumhauer

— ich bedaure herzlich, es sagen zu müssen —
eilte entschieden verunglückte Figur. Eine weiß
gekleidete Gestalt lehnt an einem Stein: ein
hoffnungsloser, energieloser Träumer, müde, lvie
verzweifelnd an allem. Wir mögen die künst-
lerischeu Qualitäten des Bildes sehr hoch an-
schlagen, die zarteste Durchbildung der Hände
und Füße, die virtuose und feinfühlige Behand-
lung der Farbe (weiß spielend mit bläulichen,
grünlichelt und bräunlicheit Tönen) — aber als
Christus zu schwächlich!

Noch sei mit einein Wort der Stationenbilder
von Robert Seuffert gedacht: Es ist ein
großer Kreuzweg. Ein Hauptwert ist vom Künstler
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