Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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Stimmungen anszudrücken, wie sie Gihr
in „Das heilige Meßopfer" öem Violett,
welches er als zu den s ch w a ch e n F a r b e n
gehörig, aber durch Not ein wenig
belebt, auch abgesehen vom Veilchen als
Sinnbild der Demut, so feinfühlig schildert.

Unter „viola“ sind übrigens alle jene
wunderbaren Stiefniütterchenarten, die als
viola tricolor botanisch bezeichnet sind,
aufzufassen, unter denen die schönsten und
eigenartigsten die Hauptblätter in braun-
violettem Purpur getönt haben. Soll aber
der Ton unbedingt der Natur abgelauscht
sein, so breitet sie ihn ja, wie eingangs
geschildert, wie im Einverständnis mit der
Kirche über der Erde aus, als Schleier,
in dem die aussteigende Morgenröte und
das entschwindende Nachtdunkel sich ver-
einigen zum ernsten bräunlichen Violett,
das dann dein goldenen Licht der Sonne
weicht, wie die Sehnsucht und Trauer der
Advent- und Fastenzeit vor Christus, dein
Gnadenlicht.

So wenig eine realistische Auffassung
der liturgischen Farbe beim Not als Blut
angebracht erscheint, umso erwünschter ist
sie beim Grün insofern, als seine Ueberein-
stimlnung mit denk Naturgrün in feiner
Fülle abwechselnder Töne gemeint ist.
Dem Wunsche der Kirche nach der Erkenn- j
barfeit der Tagesfarbe in den Paramenten
kommt nichts anderes in so ausgiebiger
Weise entgegen, als gerade das Grün in
der Natur, das vom dunkelsten Schwarz-
grün der Tannenwälder bis zum zarten
Hellgelbgrün der ersten Spitzen des Früh-
lingsgrün eine unabsehbare Neihe von
Tönen bietet. Wirklich hat die alte Webe-
kunst aus allen diesen Möglichkeiten An-
regung geschöpft und Reste der herrlichsten
liturgischen Gewänder in grünen Stoffen
aller Art füllen die Stoffsammlungen der
Museen und Webeschulen. Wenn auch
heute schwerlich für die liturgischen Zwecke,
soweit sie das Grün anbelangen, io köst-
liche Gewebe entstehen werden, wie der
grüne Goldbrokat des 15. Jahrhunderts
mit all den technischen Feinheiten in or
frise und or battu, der doppelten Schur
des Samts und der mit dem allen

wie z. B. tut Dom in Halberstadt, im Besitz des
hochwürdigen Herrn Domkapitular Schnütgen,
Köln, aus dem Mittelalter als Violett traditionell
und künstlerisch berechtigt.

verbmldenen Schönheit, so kann doch der
einfachste Stoff einen Teil dieser Schönheit
haben dllrch eine der Natur entnommelle
schöne grüne Farbe. Sie ist das Blatt,
das Laub in bem Blumengewinde, welches
die Kirche in den liturgischen Farben nitD
ihren sinnvollen Bedeutungen um das Bild
des Erlösers schlingt, und soll harmonisch
die roten, weißen und violetten Blüten
des Kranzes verbinden. So nlllß es be-
scheiden zurücktreten und soll doch hell und
freudig sein gegen das schwarze Traner-
band, welches von dem Kranze herabflattert.

Nach ernstlichenl Versenken in die sym-
bolisch poetische Bedeutung der liturgischen
Farben tritt eine Fülle von Poesie, eine
Reihe der herrlichsten Bilder vor die Seele,
und man kann mit vollem Recht sagen,
daß diese Farben der Ausdruck der Stim-
muug der Kirche sind, wie sie von ihr
beherrscht ist, je nach dem Stand ihrer
Sonne, ihrer Licht- nnb Gnadenquelle,
Christus. Sie schließt sich so eng der
Natlir an, schöpft ans ihr auf Schritt
und Tritt, spiegelt ihre Schönheit verklärt
im idealen Glanze unter bem wandelnden
Fuße des Heilandes wider und weist be-
ständig aus sie hin.

Sinnvoll legt die Kirche die Ankunft
des Welterlösers, des Lichtes, in die
Finsternis der langen Winternächte, und
die Auferstehung des Gekreuzigten feiert
sie mit der Wiedererstehung alles Lebens
und Webens in der Natur.

Wie sehr berechtigt ist da das Streben,
in der Paramentik, besonders in den Ge-
wändern des Priesters, der als Stellver-
treter Christi am Altäre steht, in der Aus-
stattung des Altares, der Opserstätte selbst,
die erhabenen Stinlinungen der Natur zu
vereinigen mit jenen geheiligten, geheimnis-
vollen der Kirche, und §n versuchen, die
Naturschönheit vergeistigt durch die mystische
Schönheit der Symbolik aus die Werke
der kirchlichen Gewandungskunst zu über-
trageu.

Dieser Auffassung zu entsprechen, be-
darf es eines liebevollen Sehens nnb Ver-
stehens der mannigfachen Farben und
Stimmungen, Beleuchtungen der Natur
und des Versuches, die feinen Beziehungen
von ihr zu den Gedanken der Liturgie zu
finden und zu empfinden. Dann erst kann
ein Anwenden aus die Paramentik von
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