Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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Gott, der Herr alles Geschaffenen, nicht
znlassen, daß bei seiner Auserwählten ans
wunderbare Weise neues Leben entstehe,
außer der gewöhnlichen Ordnung?" Um
nun diesen Gedanken zu veranschaulichen,
greift man znm Phpsiologus beziehungs-
weise zu denjenigen Schriftstellern, die
bereits ans ihm stehen, z. B. Albertus
Magnus, Alauus usw.

Also die obengenannte Bärin mit ihren
Jungen: von ihr beißt es nach meiner
Uebersetzung der Inschrift ans dein La-
teinischer!: Wenn die Bärin mit ihrem
beleckenden Maul ihre ungestalteu Jungen
zur rechten Form bilden kann, warurn
sollte die Jungfrau Maria nach der Bot-
schaft Gabriels nicht als Jungfrau
gebären können?

Wenn der Löwe durch sein Gebrüll
seine (wie tot daliegendeu) Jungen zürn
Leben erwecken kann, warnrrl sollte die
Jungfrau durch deri Geist uicht Mutter
werden können?

Werin der Kalander (ein fabelhafter
Vogel) durch feilten Blick einen Kranken
gesund macheri kann, warurri sollte Chri-
stum, den Erlöser, nicht eine Juri g fr au
gebären könrien?

Für das Pferd, das, dem Morgen-
winde zngekehrt, neues Leben empfängt
(s. Vergil Georgika 3, 274), ist feine In-
schrift da. Der Leser möge die Stelle
selbst rrachlesen!

Daun aus der legenderrhaften Men-
schengeschichte: -Wenri die Jungfrau
Tuccia in einen! Siebe Wasser trägt,
werin Claudia ein Schiff mit ihrem
Gürtel losbringt, warum sollte nicht eine
Jungfrau den Schöpfer des Alls gebären?
So und ähnlich bei den übrigen Bildern.
Man sieht, die Erklärung dieser Bilder
ist ans den ersten Anblick nicht eben leicht.
Diese Vergleiche aus den Naturansichten
der Alten und des Mittelalters — und
deren gibl es noch sehr viele — mögen
dem damaligen Geschlecht belehrend und
erbauend gewesen sein, uns sind sie fremd
und nianchmal fast unanständig (Pferd).
In ähnlicher Weise ging es mir mit der
reichen V o r b i l d e r w e l t — für Christus,
seine Geburt, sein Leiden, Sterben, seine
Auferstehung — aus dein Alten Testa-
ment. Wer, ohne vorher genaue Stu-
dien auf diesem Gebiete genlacht zu haben.

den Kreuzweg betritt, steht vor einigen
Bildern einfach ratlos da. Wer denkt
daran, wenn er ans einen! Bilde eine
Jungfrau mit einer Laterne auf dein
Feld herumirren sieht, daß dies die Braut
im Hobenliede ist, die den Bräntiganr
sucht? Und so noch gar vieles.

Wenn, nach Walchegger, diese Art, die
Geheimnisse des Glaubens zu versinnbil-
deu und vorzubilden, wirklich eine „Armen-
bibel" ist (p. 52) und wenn Brixen den
Ruhm hat, ein solch beliebtes Werk zu
besitzen, so müssen die damaligen „Armen"
viel versierter gewesen sein als wir, oder
man hat in den Predigten darüber förm-
liche Vorträge gehalten — jetzt ginge dies
nicht mehr. Aber es ist richtig, daß diese
Malerei oft sehr sinnig und lehrreich ist,
und unsere Maler würden gut daran tun,
sich so etwas oft und abermals oft an-
zuschanen; denn das gibt Leben in den
Stoff.

Doch gehen wir über zu unseren! eigent-
lichen Thema.

Treten wir ein in die vierzehnte Ar-
kade! Nach Walchegger bildet sie inhalt-
lich den Abschluß der „Armenbibel". Es
sind die „Sieben Freuden" der Gottes-
mutter. Das „Archiv" 1. c. S. 89 sagt:
„In der vierzehnten Arkade „Die sieben
Freuden Mariens," sehr verdorben." Sem-
per agnosziert die Auffindung im Tempel
als das Werk des Meisters mit den!
Skorpion und die Krönung Mariens als
Werk Jakob Sunters (Semper S. 71,
72).

Walchegger hat dieser Arkade eine
größere Aufmerksamkeit erwiesen, und es
lohnt sich, in Anlehnung an die Arbeiten
von Semper und des „Archiv" von 1869
dieser Arkade näherzutreten, und zwar ans
zwei Gründen:

1. !veil die „Freuden Mariäs" im
Kreuzgang zu Brixen von unserer Auf-
zählung derselben abweichen,

2. weil auch diese Bilder uns einen
belehrenden weiteren Einblick in die
damalige Malerei gewähren.

Vor allem benierke ich, daß die Reno-
vierung des Kreuzgangs, über deren Wert
die Ansichten allerdings auseinandergehen,
noch 1889 begonnen und nach langen
Unterhandlungen, besonders mit Wien,
von mehreren Malern besorgt wurde,
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