Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 67
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Die Porträts der vier Aebtissinnen
und das Ronventsbild in Rotten-
münster.

Bon Stadtpfr. B r i n z i n g e r in Oberndorf a. N.

Rottenmünster, das älteste Zisterzienser-
frauenkloster von Württemberg, bestand ge-
gen 600 Jahre lang in Altstadt-Noltweil.
1221 etwa gegründet, seit 1442 reichs-
unmittelbares Stift, 1802 säkularisiert,
dann verödet, seit 1898 Heil- und Pflege-
anstalt,im Besitz der Kongregation der barm-
herzigen Schwestern vom hl. Vinzenz. Im
„Archiv für christ-
licheKnnst"(1908
Nr. 8 und 9) ha-
ben wir die jetzt
wieder prächtig
restaurierte zier-
liche Barockkirche
zil Rottenmünster
itnd deren Er-
bauer behandelt.

Der Festsaal des
Klosters, einstens
Konventssaal, ist
im Jahre 1722
mit einer kunst-
reich geschnitzten
Kassettendecke aus
bemaltem Tan-
ttenholz im Spät-
renaissancestil ge-
schmückt worden
und rechts am
Eingang mit rei-
chem Schnitzmerk.

Der Meister ist
vermutlich einSa-
lemer Künstler,
wahrscheinlich derselbe, der die schönen
Chorstühle der Kirche gefertigt hat, ivelche
der Rottweiler Altertuntsverein seit
1898 der Kirche wieder als Geschenk
vermacht hat. Die Decke ist abgebildet
bei Paulus, Kunstdeukmale vou Württem-
berg, Inventar, Schwarzwaldkreis 1897,

S. 511.

An den Wänden dieses Konventssaals
zu Rottenmünster häugeit vier kunsthistorisch
wertvolle Oelgemälde, Porträts von Aeb-
tissinnen, in weitern Kreisen fast
unbekannt. Wir geben im folgenden
eine nähere Beschreibung derselben. Es

. sind nebst der Kirche die letzten Erinne-
! rnngszeichen des alten Reichsstifts.
j 1. Rechts unten am Fenster ist das
! Bild der Maria Juliana Maier,
der letzleti R e i ch s ä b t i s s i n von
Rotten niii n st e r (1 79 6 —1 80 2). Sie
sitzt in einem roten, mit Goldfransen be-
setzten Plüschsessel, in der Ordenstracht
der Zisterzienserinnen, in weißem Habit
mit schwarzem Skapulier. In der Rechten
hält sie ein Buch, die Linke auf deu Tisch
> stützend, der ein Kruzifix und deu Rosen-
! kranz trägt, im Hiutergruud sehen wir den
verzierten Aeb-
tissinstab und das
Schwert(§1u6iu3
foron8is), die
beiden Abzeichen
ihrer geistlichen
und weltlichen
Geivalt. Links
oben ist ihr Wap-
pen : der Schräg-
balken von Sa-
lem-Zisterz und
das Wappen von
Rottenmünster,
nämlich eineSänle
mit zwei Hirschge-
weihen, darüber
ein Löwe, unten
ein Kreuz mit elf
Sternen. Maria
Juliana Maier
ist geboren 25.
Juni 1751 in
Paar in Bayern,
kam 17 Jahre
alt ins Kloster,
wurde zur Aebtis-
I sin erwählt 16. Septeinber 1796. Damals
zählte das Kloster 35 Insassen, nämlich
22Konventssranen, 10 Laienschwestern und
3 Novizinnen. Gleich zu Anfang ihrer Re-
giernngszeit war das Gefecht bei Rotlen-
münster, in ivelchem der berüchtigte fran-
zösische General Vandamme am 18. Oktober
1796 die Oesterreicher schlug und im
Kloster Rottenmünster und Rottweil schwere
Exzesse verübte durch Plünderungen und
Erpressungen. Beim Friedensschluß mußte
Rottenmünster 3000 Gulden Kriegsstener
bezahlen. Im November 1802 erlebte sie
die traurige Aufhebung ihres Klosters,

Aebtissiu Ursula S ch e r l i n von Rottweil.

(Nach einer Photographie des + Sanitätsrnts Dr. Eugen Wiedeinaun
in Rotteinnüiister.)
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