Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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den N. N. so schön machen?" antwortete
er: „N. N. ist mein Freund." Sein
Grundsatz war, die Menschen „in ihren
besten Stunden", mit Hinweglassung des
Momentanen, Zufälligen, wiederzngeben.
Doch trieb er das Idealisieren und Antiki-
sieren nicht aus Kosten der Naturtreue.
Rühmten doch gerade seine Zeitgenossen
an seinen Porträts, sie seien idealisiert
und doch porträtähnlich.

Freilich ist er mit dem Grundsatz des
Jdealisierens nur einer von vielen, und
doch weiß er auch unter seinen Genossen
seine Individualität zu mahreu. „Eine
innere Empfänglichkeit für alle erhabenen
Eindrücke des Lebens zeichnet Ohmacht
vor allem aus." Es ist kein Zufall, daß
er Lavater und Klopstock nähertreten durfte;
wie sie, so wollte er „Würde, Adel,
Schwung und Hoheit in die Kunst ein-
führen". Es ist ihm gelungen, wenn auch
nicht immer in gleichem Maße; und oft
ist der Erfolg bezahlt durch Verzicht auf
die Fühlung mit dem Leben. Nur ist
dieser Verzicht mitbedingt durch das Stre-
ben, die „Unnatur" zu meiden und zu
bekämpfen..

Weniger entschuldbar ist eine andere
Seite an Ohmachts Kunst. Er geht näm-
lich im Anschluß an die Antike und Re-
naissance gelegentlich bis zu direkten Ent-
lehnungen, verzichtet also auf jede Origiua-
lität. Bei einer Vergleichung seiner Werke
mit Reproduktionen aus der Zeit seiner
Kunstideale machte ich die Entdeckung einer
merkwürdigen Verwandtschaft. Seine Juno
im „Urteil des Paris" trägt die Züge
der Juno Ludovisi. Die Haltung ihres
Oberkörpers bis hinaus zu der den Schleier
lüftenden Hand ist beut „Urteil des Paris"
ans deur Hause des Meleager in Pompeji
entnommen, nur ist es bei Ohmacht die
linke Hand, bei dem klassischen Vorbild
die rechte. Auch die Minerva klingt an
die pompejanische Vorlage an, wenngleich
sie keine direkte Kopie ist. Noch interessanter
ist die Figur des Paris. Sie errtspricht
bis zur Brust herauf ziemlich genau dem
David ven Michel Angelo, von der Brust
an dagegen erinnert sie an den Hirten,
der sich ans deur bereits genannten pom-
pejanischen Bildwerk im Hintergrund be-
findet. Dagegen hat Ohmachts Venns mit
der pompejanischen nichts zu tun. Sie

hat im Gegensatz zu derselben fast sämt-
liche Kleider abgelegt, ist aber trotzdem
dezenter gehalten als jene. — Ein der-
artiges Sichanlehnen an die Antike wäre
ein Beweis ungenügenden Könnens, wenn
letzteres nicht anderweitig glänzend er-
wiesen wäre. Und wenn eine Autorität
wie Winckelmann mit seinen „Gedanken
über die Nachahmung der griechischen
Werke" usw. rauschenden Beifall fand und
ein halbes Jahrhundert die künstlerischen
Anschauungen beherrschte, so erscheint auch
die Umsetzung dieser „Gedanken" in die
Tat in milderenr Lichte. Ohmacht hat
das Recht wie jeder andere, als Kind
seiner Zeit beurteilt zu werden. An ihren
Anschauungen gemessen, hat er viel zu
bedeuten; und so darf wohl auch er be-
wertet werden nach dein Grundsatz des
Dichters:

„Wer den Besten seiner Zeit genug gelan.
Der hat gelebt für alle Zeiten."

Literatur.

Mehr F r e ub e von Dr. Paul Wilhelm
v. Keppler, Bischof von Rottenburg.
18. bis 24. Tausend. Freibnrg (Herder)
1910.

Als wir seinerzeit den zweiten Band von
„Aus Kunst und Leben" in dieser Zeitschrift
besprachen, wurde von uns sofort der Finger auf
den Essay „Von der Freude" gelegt und dieser in
seiner Bedeutung herausgehobcn. Inzwischen
hat der hochwürdigste Verfasser erfreulicherweife
diesen Essay neu bearbeitet und als selbständiges
Büchlein, als einen Fest- und Freudengruß
herausgegeben.

Der ganz außerordentliche Erfolg, dessen das
Büchlein sich in kurzer Zeit bei Katholiken und
Nichtkatholikeil erfreuen durfte, ist in der Ge-
diegeilheit der vertretenen Grunvsätze, in der
Feinheit der essayistischen Darstellung und Fas-
sung der Gedanken, in dein sich beknndenden
Weitblick, welchen die sittlichen Mahnungen und
Wertungen des hochwürdigsten Herrn Verfassers
zugestandenermaßen erkennen lassen, objektiv wohl
begründet.

Wenn wir hier auf dieses köstliche Büchlein
zurückkommen, so geschieht es einmal ivegen der
engen Beziehungen, die an sich schon psychologisch
zwischen Freude, freudigem, sonnigem Wesen und
Kunstschaffen wie Kunstgenießen bestehen, ferner
wegen der Wichtigkeit und Fruchtbarkeit religiös
fundierter Herzensfreude für die religiöse Kunst
und endlich wegen der ganz vortrefflichen Grund-
sätze und Aussprüche — sie werden nicht selten zu
seingeprägten Sentenzen — in den beiden Kapiteln
„Freude und Kunst" und „Kunst und Freude". —
Es kommt darin vor allem der Gedanke zum Aus-
druck, daß nur eine moralisch einwandfreie Kunst
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