Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 75
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Gefühl der Monotonie nicht ganz ab-
weisen lassen. Aber diese Schattenseite
hastet allen derartigen Serien an, wird
jedoch ausgewogen durch die ihnen eigenen
Schönheiten und durch die reiche Ab-
wechslung, welche der Meister in die
Serie hineinzubringen wußte.

Die Bilderserie im Chor.

Die Zeit, welche zwischen der Aus-
malung des Schiffs der Kirche und des
Chores liegt, ist an Meister Fngel nicht
ungenützt und nicht spurlos vorüber-
gegangen. Er hat sich in der Zwischen-
zeit mancherlei malerisch-technischen Ein-
flüssen erschlossen, die — wie uns be-
drucken möchte — in mehrfacher Hinsicht
ans Frankreich weisen.

Die Aufgabe, welche hier dein Künstler
gestellt rvar, entbehrt nicht des Reizes
der Originalität: Es sollte ein Zyklus
von sechs Bildern aus bem Leben des
h l. Apostels Andreas geschaffen wer-
den. Es dürfte sich für eine solche zyklische
Behandlung des Lebens des hl. Andreas
in der ganzen Geschichte und Ikonographie
der christlichen Kunst kann: ein Vorgang
ausmeiseu lassen. Die bisherigen Dar-
stellungen beziehen sich ans Seit Vorgang
der Kreuzigung des hl. Andreas. Zu-
gleich war als Quelle für die Lebens-
ereignisse des hl. Apostels die Hl. Schrift
vor allem in Betracht zu ziehen. Diese
nun zählt uns fünf Ereignisse ans dem
Leben des hl. Andreas ans. Wir erfahren
aus dein Johannesevangelinm (1,29 ff.),
daß Andreas (mit Johannes) zunächst
Johannesjünger war und durch die
Predigt des hl. Johannes des Täufers
über das Lamm Gottes zu jenem Größeren
hingewiesen wurde, dem die Schuhriemen
aufzulösen Johannes sich unwürdig bekannte.

Ferner berichtet uns die Hl. Schrift,
wie And re asseinen Bruder, den hl. Petrus,
zu Jesus führte; weiter, wie Jesus am
See Genesareth zu Bethsaida Andreas
mit Petrus, Jakobus und Johannes be-
rief, indem er zu ihnen sprach: „Folget
mir nach."

Auch meldet uns die Hl. Schrift von
der Anwesenheit des hl. Andreas beim
Wunder der Brotvermehrung, und end-
lich bei der Szene, da Jesus dem Tempel
gegenüber saß auf dem Oelberge und weis-

sagte, daß davon kein Stein ans dem
andern bleiben werde.

Diese biblischen Berichte sollten ver-
wertet und durch die Darstellung des
Todes nach den in den Legenden weiter-
lebenden Berichten ergänzt werden.

Die einzige Schwierigkeit bestand übri-
gens für den Künstler nicht darin, daß
damit ein Stoffgebiet beschritten werden
sollte, das kaum je einmal in dieser Form
künstlerisch behandelt worden war, so daß
es an Vorgängen fehlte. Eine viel
größere — wir möchten sie als eine schwer-
lösbare Schwierigkeit bezeichnen — lag
darin, daß in all diesen biblischen Be-
richten ihrer ganzen Struktur wie dem
objektiven Hergang entsprechend der hl. An-
dreas nur eine mehr nebensächliche Rolle
spielt und hinter Jesus, oder hinter Pe-
trus zurücktritt. — Hier aber sollte er
künstlerisch immer als Hauptperson in
den Vordergrund geschoben werden, ohne
daß die Bildidee, die als sestgegebene an-
zusehen ist, hiezu das Recht verleiht. Gleich-
wohl ließ sich diese Schwierigkeit nach un-
serem Dafürhalten einigermaßen beheben,
wenn die fortschreitende theologische
Grundidee, welche durch diese Bilder wie
ein roter Faden hindurchgeht, unter dem
Gesichtspunkt der inneren Entwicklung des
hl. Andreas, seiner Seelen- und Verufsge-
schichte, scharf genug erfaßt und zur Dar-
stellung gebracht wurde: Die Bilderfolge
schildert das allmähliche Werden des
hl. Andreas vom Johannesjünger zum
Jesusjünger, vom Jesusjünger zum
Apostel, zum Märtyrer, unter der be-
fruchtenden Einwirkung der Lehre Jesu.
Die Szene bei Johannes in der Wüste
zeigt ihn als eine aus ihre religiöse Durch-
bildung eifrig bedachte Seele, die es außer-
ordentlich ernst und tief nimmt mit reli-
giösen Dingen. Daraus erklärt sich das
Interesse und die Bereitnülligkeit, womit
er dem „Agnus Dei“ entgegeneilt (Sorge
für das eigene Seelenheil). Die zweite
Szene zeigt seinen Eifer, auch andere
(seinen Bruder Petrus) mit Jesus und
seiner Lehrweisheit bekannt zu machen
(Sorge und Eifer für das fremde Seelen-
heil). Die dritte Szene stellt einen wich-
tigen Wendepunkt im Leben des hl. An-
dreas dar: seine Berufung in die Schule
Jesu und zum Apostolat (Demut und
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